Atemkontrolle 
Wissenschaftler sammeln Atemproben von Walen

London, November 2008 – Walforschung ist eine wunderschöne und spannende Sache. Wissenschaftler aus aller Welt sind ständig auf der Suche nach neuen Möglichkeiten und Methoden, die Riesen der Meere noch genauer zu erforschen. Leider machen aber gerade sowohl die Größe als auch der Lebensraum der Tiere die Arbeit nicht gerade einfach.

 Besonders wenn es um den Gesundheitszustand von Walen geht, sind denn Forschern bisher in vielerlei Hinsicht die Hände gebunden. Ein Buckel- oder Grauwal entscheidet sich nicht wirklich aus freien Stücken dafür, eine Blut- oder Gewebeprobe abzugeben. Aber auch bei den unfreiwilligen Methoden ist die Probenname mehr ein Zufallsereignis, denn eine systematische Möglichkeit zur Untersuchung der Meeressäuger.   


Auf der Jagd nach dem Wal-Schnodder: ein Modellhubschrauber nähert sich einem Wal. 
Photo: Zoological Society London 

Nun aber hat eine englische Wildtierbiologin eine ebenso einzigartige wie auch zukunftsweisende Methode entwickelt, um u. a. Informationen über Krankheitserreger zu erhalten, von denen ein Wal möglicherweise befallen ist: eine Atemkontrolle mit Hilfe eines ferngesteuerten Modellhubschraubers. "Die meisten Untersuchungen über pathogene Organismen in Walen basieren auf tote, gestrandete oder in Gefangenschaft gehaltene Tiere. Das ist aber wenig relevant und repräsentativ für die Wildpopulation der entsprechenden Art," erläutert Karina Acevedo-Whitehouse vom Zoologischen Institut der Zoological Society London. "Ich habe mich deshalb entschlossen, eine nicht-invasive Methode zu finden, mit der sich Wale im offenen Meer beproben lassen.

Krankheitserreger im Walschnodder
Heraus kam die Idee, sich den Walen einfach von oben mit einem Modellhubschrauber zu nähern und Proben aus ihrem Blas – also der ausgestoßenen Atemluft – einzufangen. Diese enthält nämlich nicht einfach nur Luft, sondern auch Schleim aus den Atemorganen – echter Walschnodder, also. Teile davon setzen sich beim Durchfliegen der Atemfontäne auf sogenannten Petrischalen ab. Dies sind offene Schalen mit einem für Mikroorganismen günstigen Nährboden, die unter dem Helikopter befestigt sind.

Hat der Helikopter erfolgreich Proben nehmen können, kehrt er  auf einen kleinen Landeplatz am Bug des Begleitschiffes zurück. Dort werden die Petrischalen dann entfernt und sofort verschlossen. Im Labor können die Wissenschaftler anhand späterer DNA-Untersuchungen genau feststellen, welche Mikroorganismen vom Wal ausgestoßen worden sind. "Bisher wissen wir unglaublich wenig über den Gesundheitszustand freilebender Wale," sagt Karina Acevedo-Whitehouse. "Die neue Technik ermöglicht es uns nun, einen ersten Einblick darin zu bekommen, von welchen pathogenen Organismen diese faszinierenden Tiere befallen sind."  


Der Moment der Probennahme: der Helikopter 
fliegt durch die Atemfontäne eines Wales.
Photo: Zoological Society London    

Fliegerisches Können
Ganz so einfach war die Probennahme mit dem Helikopter anfangs jedoch nicht. Die Zoologin musste erst einmal einen erfahrenen Piloten für den Modellhubschrauber finden. Immerhin zählt das Fliegen von Hubschraubern zur Königsdiziplin des Modellsports. Und den Helikopter zielgenau in eine Wal-Fontäne zu steuern sowie sicher auf das Forschungsboot zurückkehren zu lassen, stellt hohen Anforderungen an den Verantwortlichen mit der Fernsteuerung. Ein Bordkamera im Hubschrauber ist dabei schon eine Hilfe und zeigt Forschern und Pilot, was der Helikopter gerade sieht.

Was aber halten nun die Wale davon, wenn über ihnen ein surrendes Ding kreist? Bemerken sie den Hubschrauber überhaupt? "Die Wale bemerken den Hubschrauber schon, fühlen sich aber durch ihn nicht gestört," erklärt Teamleiterin Acevedo-Whitehouse. "Das sie ihn registrieren, merken wir daran, dass sie ihren Kopf auf die Seite legen, um den Helikopter zu beobachten. Aber sie zeigen keine negative Reaktion darauf, schwimmen oder tauchen also nicht weg."

Die Untersuchungen von Karina Acevedo-Whitehouse und ihren Kollegen fanden im Golf von Mexiko und vor der Westküste der Baja California statt. Unterstützt wurden die englischen Wissenschaftler vom Forschungsinstitut CICIMAR der National Polytech University Mexico. Zu den Forschungsobjekten der Wissenschaftler gehörten sowohl Grauwale als auch Buckelwale. 

Fakten
Mit dem Atemzug eines Blauwales, dem größten Tier, das diesen Planeten jemals bewohnt hat, lassen sich 2000 Luftballons aufblasen.

Der Blas eines Wales enthält kein Seewasser, sondern ist reine Atemluft mit Schleimbestandteilen. Die sichtbare Fontäne wird durch das hochgeblasene Meerwasser und vor allem durch Kondenswasser erzeugt.

Taucht ein Wal ab, wird das Blasloch durch einen Muskel verschlossen. Dieser ist dann entspannt und muss aktiviert werden, wenn das Blasloch beim Auftauchen wieder geöffnet werden soll. 

Erfahrene Walbeobachter können einzelne Walarten anhand der Form ihres Blases erkennen und voneinander unterscheiden


Zoologin Karina auf der Suche nach dem Wal.
Photo: Zoological Society London