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Mit
dem Forschungsschiff in eines der im Winter gefährlichsten Seegebiete -
Wissenschaftler der Woods Hole Oceanographic Institution unternahmen
eine Exkursion vor die Küste Neu-Englands.
Untersuchungsgebiet war eine Meeresregion, in der der Golfstrom und kalte
Wassermassen aus dem Norden aufeinander treffen - von Seefahrern
auch der "Friedhof des Atlantik" genannt.
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REPORTAGE
UND FOTOS VON CHRIS LINDER
Ich stützte
mich auf meine Schaufel und machte eine kurze Pause. Der Schnee türmte
sich in der Auffahrt und ich hatte erst den halben Weg zum
Briefkasten frei geräumt. Mein Nachbar blickte mit einem breiten
Grinsen zu mir hinüber. „So, so, bist gerade erst zurück von
einer Exkursion, was? Du führst vielleicht ein Leben – während
wir uns hier mit einem Jahrhundert-Blizzard herumgeschlagen haben,
warst Du auf See“.
Ich
lächelte nur. Was wusste er schon von den Strapazen, die hinter mir
lagen. Meine letzten Wochen waren bestimmt worden von
erbarmungslosen Atlantikstürmen, die unser Forschungsschiff an
seine Grenzen gebracht hatten, von nächtlicher Instrumentensuche auf hoher
See, während schwere Brecher über das Deck rollten. Ich hätte
wirklich lieber Schnee geschaufelt.
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Vor Cape Hatteras: der warme und
salzhaltige Golfstrom (rot, orange und gelb) trifft auf einen kalten
Küstenstrom aus der Arktis und dem Nordatlantik und bildet dabei
ozeanische Fronten.
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Am 15.
Januar 2005 war unsere kleine Gruppe von Wissenschaftlern an Bord
des Forschungsschiffes Oceanus zu den stürmischen Gewässern
vor der Küste North Carolinas aufgebrochen – einer Meeresregion,
die auch als „Friedhof des Atlantik“ bezeichnet wird. Unter
Leitung des Ozeanographen Glen Gawarkiewicz von der Woods Hole
Oceanographic Institution (WHOI) wollten wir den Zusammenfluss südwärts
und nordwärts führender Atlantikströme untersuchen, die am Cape
Hatteras aufeinander treffen. Hier löst sich der mächtige
Golfstrom – warm und salzreich – von der Küste und dreht
Richtung Europa. Zuvor läuft er jedoch noch mit einem starken
Küstenstrom entlang des Kontinentalabhangs zusammen, der kalte Wassermassen der Arktis
und des Nordatlantik mit sich führt.
Die
beiden Wassermassen haben unterschiedliche Dichten, so dass sie sich
nicht einfach miteinander vermischen, sondern geradezu kollidieren.
Genau wie Tief- und Hochdruckgebiete in der Atmosphäre, bilden
diese Wassermassen Fronten oder Grenzschichten, die fortlaufend
interagieren und sich in Abhängigkeit zur Großwetterlage bewegen.
Die Veränderungen dieser ozeanischen Fronten bedingen quasi die
„Wettersituation“ im Meer. Ihre Strömungen fördern nährstoffreiches
Tiefenwasser an die Oberfläche und versorgen damit über die
Nahrungsstufe der Planktonorganismen auch Fische und Meeressäuger.
Durch Temperaturunterschiede zwischen Luft und Wasser sind sie zudem
für die Bildung von See- und Küstennebel verantwortlich.
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Unsere
genaue Aufzeichnung des „ozeanischen Wetters“ in dieser Region
begann im August 2004. Damals war Glen Gawarkiewicz noch Co-Leiter
einer Expedition, die neben Geschwindigkeit und Richtung der
Meeresströmungen vor Cape Hatteras auch deren Temperatur und
Salzgehalt untersuchen sollte. Aber genauso wie es saisonale
Änderungen in der Atmosphäre gibt, ändern sich auch die
ozeanischen Verhältnisse mit der Jahreszeit. Unsere
Januar-Exkursion sollte herausfinden, wie Kälte und Winterstürme
die Wassermassen beeinflussen. Während der dreiwöchigen Fahrt
führte ich Tagebuch mit Stift und Fotoapparat. Meine Aufzeichnungen
sollen eine Vorstellung davon geben, was auf hoher See vor Cape
Hatteras im Winter wirklich passiert.
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Das Forschungsschiff Oceanus
kämpft sich seinen Weg durch die raue und stürmische See des
Nordatlantik.
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Jan. 15, 2005: Das Wetter war klar und kalt, als wir auf der Oceanus
südwärts durch die Elizabeth Islands fuhren. Als ich Kollegen an
der WHOI zuvor von unserer Reise erzählt hatte, war die Reaktion
immer die gleiche: „Cape Hatteras im Winter?“ – es folgte ein
ungläubiger Blick und manchmal auch ein mitleidiges Kopfschütteln.
Ich wusste, dass es hart wird. Aber wie hart würde es wirklich
werden?
Jan.
18: Bin völlig geschafft und
durchnässt vom Ausbringen der Messbojen. Da nur sechs
Wissenschaftler und Techniker an Bord sind, wurde jede Hand
gebraucht, damit die Messinstrumente sicher über Bord gingen.
Darunter waren eine leichte 30m-Bojenkette mit kleinen
Temperatursonden, eine schwere 80m-Bojenkette mit Temperatursonden
und so genannten CTDs – Instrumente, die gleichzeitig Leitfähigkeit,
Temperatur und Tiefe messen – sowie schließlich eine riesige meteorologische
Boje. Die Geräte waren an zuvor genau bestimmten Punkten abgesetzt
worden und sollten am Ende der Reise wieder eingesammelt werden.
Das
Aussetzen der Instrumente erfordert immer wieder eine anderen
Ablauf. Manchmal dauert es nur 15 Minuten und dann wieder mehrere
Stunden. Eiskalte Wassermassen brechen die ganze Zeit über das
Achterdeck auf dem wir unsere Instrumente an den Bojenketten befestigen, schwere Anker
bewegen oder akustische Auslöser für ihren Einsatz vorbereiten.
Meine Aufgabe ist es, an der Steuerbord-Reling das Kabel der
akustischen Auslöser über Bord zu halten, während Craig Marquette,
ein Ingenieur der WHOI-Abteilung für physikalische Ozeanographie,
den Mechanismus testet. Aus irgendeinem Grund konzentrierten sich
alle Wellen auf genau die Stelle, an der ich stehe. Am Abend ist
mein Überlebensanzug mit Salzwasser durchtränkt – eiskaltem
Salzwasser aus der ozeanischen Hexenküche des winterlichen Atlantik.
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Jan.
19: Wir haben mit der Operation “Towed Vehicle” begonnen,
dem wichtigsten Projekt unserer Forschungsarbeit. An einem langen
Kabel befestigt, folgt uns nun der Scanfish, ein flügelfömiges und
etwa zwei Meter langes Messinstrument, das in verschiedenen Tiefen
Temperatur- und Salzgehaltsdaten sammelt. Der Scanfish „fliegt“
quasi in wellenförmigen Bewegungen hinter der Oceanus auf und ab und liefert dabei ein zweidimensionales Bild der
Wasserverhältnisse von der Meeresoberfläche bis in 100 Meter
Tiefe. Da diese Beprobung während der Fahrt des Schiffes erfolgt, lässt sich innerhalb kürzester Zeit eine große Meeresregion
untersuchen.
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WHOI-Ingenieur Craig Marquette
sichert die Tür des Nasslabors, nachdem eine CTD-Sonde an Deck
gehievt wurde.
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Brian
Kidd von der University of Delaware ist unser Scanfish-Experte. In
den flachen und ruhigen Gewässern der Delaware Bay ist der
„Fisch“ einfach zu handhaben. Hier draußen zwischen den
Wellenbergen und inmitten der starken Strömungen des Golfstroms
sieht die Sache jedoch anders aus. Brian hat Ringe unter den Augen.
Er hat eine Nachtwache hinter sich und den ganzen Tag an technischen
Problemen getüftelt, die plötzlich über Nacht aufgetreten sind.
„Uns gehen die Ersatzteile aus“, konstatiert er müde zwischen
zwei Gähnern. „Wir haben noch nie so viele Ersatzteile
gebraucht“. Es scheint, als wäre ein Anruf im Heimathafen nötig.
Jan.
21: Ich gehe an Deck, um den kalten Wind in meinem Gesicht zu spüren.
Dicke Nebelschwaden wabern über die Wellen, verursacht durch kalte
Luft aus dem Norden, die über das vergleichsweise warme Wasser des Golfstromes
streicht. Dieser „sea smoke“ ist eines der schönsten Dinge, die
ich bisher gesehen habe. Der Wind treibt den Nebel über die Wellenkämme,
während surfende Delphine die 6-Meter-Wellen als ideale Vortriebsmöglichkeit
nutzen. Ich kämpfe mich rauf zur Brücke, um einen besseren Blick
zu haben.
Als die
Sonne untergeht, verwandeln sich Wellen und Seenebel in glänzendes
Gold. Die Gischt auf den Spitzen der Wellen wirkt wie leuchtende,
schneebedeckte Bergkämme. Vormann Diego Mello, lange Jahre bei der
Küstenwache tätig, leistet mir auf der Brücke Gesellschaft.
„In meiner ganzen Zeit auf See habe ich so was noch nicht
gesehen“, sagt er mit Blick nach vorne. Es scheint, als wolle uns
die See für unseren eisernen Willen belohnen.
Jan.
22: Wir sind in Morehead
City, North Carolina, eingelaufen, um einige dringend benötigte
Teile für unseren Scanfish zu besorgen. Außerdem entkommen wir so
dem Sturm, der gerade damit begonnen hat, Neu England unter
Rekordmassen von Schnee zu begraben. Für den Golfstrom sind
10-Meter-Wellen vorhergesagt. Ist es
Zufall, dass die New England Patriots ausgerechnet dieses Wochenende
in der AFC-Championship spielen? Auf See hätten wir das Spiel nicht
sehen können. Vielleicht ist es aber auch eine motivationsfördernde
Maßnahme des Kapitäns und des wissenschaftlichen Fahrtleiters.
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Jan.
26: Es fehlte das vertraute Geräusch des Schiffsdiesel, als ich
diesen Morgen aufwache. Nach zwei Wochen an Bord ist man auf jedes
Geräusch und jede Bewegung genau eingestellt. Ein ruhiges Schiff
bedeutet, dass wir den Scanfish nicht mehr hinter uns her ziehen.
Bevor ich jedoch Zeit habe, der Sache genauer auf den Grund zu
gehen, springt der Diesel wieder an und beginnt sich die
Schiffsschraube zu drehen. Dafür verschwindet das Geräusch der
Wellen, die gegen die Seite der Oceanus anbrechen. Und auch das
Rollen von einer Seite auf die andere hört auf. Wir sind wieder
unterwegs. Vielleicht hatten wir die CTD-Beprobung einer Station
beendet und waren nun auf dem Weg zur nächsten Probestelle.
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(Von links nach rechts) Brian
Kidd von der University of Delaware holt zusammen mit Will Ostrom und
Glen Gawarkiewicz von der WHOI Scanfish an Bord. Das Messinstrument
wird hinter dem Schiff hergezogen und misst Temperatur und
Salzgehalt.
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Eines
der klassischsten Instrumente auf See ist das CTD. Es ist in einen
stählernen Rahmen eingefasst, welcher mit dem Schiffskran über die
Backbordseite ins Wasser gelassen wird. Bei starker See müssen zwei
Männer das 400kg schwere Gerät mit Slip-Leinen sichern, sobald es
von Deck ist. Das schlimmste, was einem bei schlechtem Wetter mit
dem CTD passieren kann, ist, daraus einen Schrotthaufen zu machen,
wenn es außenbords gegen die Schiffswand knallt.
Jan. 28: Ich frage unseren Stewart Chris, warum es während der Reise noch keine
Pizza gegeben habe. Er antwortet, dass der Pizzabelag im Ofen vom
Teig rutschen würde.
Unser
Verständnis von schlechtem Wetter hat sich geändert.
Vier-Meter-Wellen fallen unter „ruhige Bedingungen“ und alles
darüber ist einfach nur „Dreckswetter“. Wir arbeiten Tag und
Nacht. Wenn es für den Scanfish zu rau wird, setzen wir die CTDs
ein. Auch heute Nacht keine Pizza...
Jan.
29: Ich bin auf dem Weg zum Hauptlabor als ich eine Serie von
Pfiffen und Klicks vernehme. Zunächst denke ich an die möglichen
Nebenwirkungen unserer Mittel gegen Seekrankheit. Aber als ich Brian
Kidd`s Gesichtsausdruck sehe, weiß ich, dass diese Geräusche
anderen Ursprungs sein müssen. „Sind das Delphine?“
Wir
gehen hinaus auf`s Deck und sehen mehrere Delphine um das Schiff
schwimmen und springen. Ich beobachte sie bis Sonneuntergang. Sie
schienen wohl davon angetan zu sein, inmitten des kalten,
dunklen Ozeans etwas zum Spielen zu gefunden zu haben..
Jan. 30: Der Wind hat auf Sturmstärke angezogen – wieder
einmal. Zu heftig für den Scanfish, zu heftig für Pizza und zu
heftig, um in meiner Koje ein paar Buchseiten lesen zu können.
Während
das Schiff in der schweren See hin und her rollt, wechselt die
Aussicht der Bullaugen im Hauptlabor zwischen Himmel und Tiefsee.
Ich habe das unangenehme Gefühl, in einer großen, stählernen
Waschmaschine zu sitzen.
Schlafen
ist schwierig. Mit der richtigen Kissenposition gelingt es mir, mich
wenigstens einigermaßen in meiner Koje festzukeilen. Das Geräusch
großer Brecher, die förmlich an der Schiffswand detonieren, ist
nicht gerade beruhigend. Die Vorhersage für morgen ist etwas besser
als in den letzten Tagen: "nur" stürmische Winde. Wir müssen
dringend die Bojen an Bord holen. Wenn es uns morgen nicht gelingt,
müssen wir vielleicht ohne sie heimfahren. Wie sollen wir dann
an unsere wertvollen Daten kommen?
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Jan. 31: Kein guter Tag.
In der Dunkelheit des frühen Abends ist uns eine Bojenleine in die
Schraube geraten. Sie schnitt die Leine in zwei Hälften und
schickte das eine Ende wie eine Peitsche sirrend über das Achterdeck.
Glücklicherweise wurde keiner getroffen. Das andere Ende der
Bojenleine scheint sich um die Schraube gewickelt zu haben. Ich kann
das „swish - swish“ der Leine in meiner Kabine hören, wenn sie
gegen den Schiffsrumpf schlägt. Wir warten auf Wetterbesserung, um
unsere größte Leine zu bergen. Vielleicht
morgen.
Feb.
1: Haben erfolgreich die große Bojenleine an Bord geholt. Unglücklicherweise
ist der Windmesser verschwunden. Neptun hat ihn sich beim letzten
Sturm geholt – und damit dummerweise auch unsere gesamten
Winddaten. Alle anderen Instrumente sind in Ordnung. Craig und ich
beginnen sofort mit dem Datentransfer auf die Laptops. Nach all den
Strapazen und der harten Arbeit ist es ein großartiges Gefühl,
wenn die Datenmassen über den Bildschirm flimmern. Fast 100 Prozent
Datenrückfluss der wieder aufgesammelten Instrumente. Fahrtleiter
Glen ist ekstatisch. Wir fühlen uns, als ob wir einen Kampf
gewonnen haben.
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Eine Gruppe von Delphinen gleitet
durch die See. Was wie Rauch aussieht, sind Nebelschwaden, die
entstehen, wenn kalte Winterluft auf die relativ warmen Wassermassen
des Golfstromes trifft
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Feb. 3: Endlich
auf dem Weg nach Hause – ich begann gerade, seefest zu werden.
Trotz der harten Bedingungen war es uns gelungen, einzigartige, hoch
auflösende Messdaten dieser Meeresregion zu gewinnen – fünf
Scanfish-Einsätze, 71 CTDs und Bojendaten von insgesamt elf Tagen.
Diese Daten werden eine interessante Geschichte davon erzählen, was
am Cape Hatteras in den Meerestiefen passiert, während darüber die
Winterstürme hinwegfegen.
Nachtrag: Nachdem die Oceanus
wieder in Woods Hole eingetroffen war, entfernten Taucher Reste der
Bojenleine von der Schiffsschraube. Daran befand sich noch eine
Temperatursonde mit einem vollständigen Datensatz im Speicher.
Originaltext
und weitere Informationen: www.whoi.edu
Übersetzung von Thomas
Orthmann, mit freundlicher Genehmigung der WHOI
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