Korallen in der Arktis

Norwegische und deutsche Wissenschaftler haben gemeinsam Kaltwasser-Korallenriffe vor der norwegischen Küste untersucht. Die Wissenschaftler entdeckten Korallen-Kolonien, die sehr viel größer sind, als bisher angenommen. Bei der Expedition mit dem Forschungsschiff „Poseidon“ war auch das Tauchboot „Jago“ mit an Bord.


Probennahme an einer Tiefseekoralle

KIEL, August 2005 - Bunte Korallenriffe in den eisigen Gewässern der Arktis - was zunächst befremdend klingt, ist für Meeresbiologen des Leibniz-Institut für Meereskunde in Kiel nichts ungewöhnliches. Die nördlichsten Korallenriffe der Welt sind Teil eines langen Riffgürtels im Nordatlantik, der sich entlang des europäischen Kontinentalhangs von Portugal bis in die arktischen Regionen vor Norwegen erstreckt. In Sachen Artenvielfalt oder Farbenpracht können es die Kaltwasser-Korallenriffe durchaus mit ihren tropischen Verwandten aufnehmen. Bei Wassertiefen von 250 bis 1000 Metern braucht es allerdings etwas mehr als eine normale Sporttaucher-Ausrüstung, um sie erforschen zu können.

Dass die Teilnehmer der Expedition die Riffe aus nächster Nähe besichtigen konnten, verdanken sie „Jago“. Das deutsche Tauchboot kann bis auf eine Tiefe von 400 Meter tauchen. Mit seiner Hilfe wurden die Tiefsee-Riffe gefilmt, vermessen und beprobt. Dabei entdeckten die Wissenschaftler, dass die Korallen-Kolonien sehr viel größer sind als bisher angenommen. Statt der erwarteten raumgroßen Hügel fanden sie Kolonien von der Ausdehnung mehrerer Fußballfelder.

Dominiert werden die Riffe von Lophelia pertusa, einer Kaltwasser-Korallenart, die ein Skelett aus Kalk bildet. Gibt es mehr von ihnen als bisher vermutet, hätte das einen Einfluss auf den Kohlendioxidkreislauf, denn das Gas wird beim Verkalkungsprozess der Korallen freigesetzt. „Sind die Kolonien überall so groß wie vor Norwegen“, sagt Prof. Wolf Christian Dullo vom IFM-GEOMAR, „müssen die Korallen bei der Berechnung des Treibhauseffekts stärker berücksichtigt werden“.

Fahrtleiter der Expedition war der Erlangener Paläontologe Prof. André Freiwald. Teilgenommen haben außerdem Wissenschaftler der Universität Erlangen, des Kieler Leibniz-Institut für Meereswissenschaften (IFM-GEOMAR) und der norwegischen Universität Bergen.

Tauchboot Jago wird aus dem Wasser gehoben
Foto: IFM-GEOMAR