Laus im Pelz
Utah, Nov. 2005 - Läuse gehören wohl zu den lästigsten und immer wieder auftretenden Parasiten, von denen ein Mensch befallen werden kann. Dass aber auch Wale tausende parasitärer "Mitfahrer" auf ihrem Körper durch die Meere tragen, wissen die wenigsten.
So genannte "Wal-Läuse" sind es, die sich auf der äußersten Hautschicht von Bartenwalen wie dem Grauwal, Buckelwal oder den Glattwalen in großen Mengen niederlassen. Dabei ist der Name "Wal-Laus" irreführend. Denn eigentlich handelt es sich bei den Tierchen um Verwandte der Flohkrebse, zu denen auch der Wattkrebs und der Strandfloh gehören. Amerikanische Wissenschaftler der Universität von Utah haben nun durch genetische Studien an den Kleinkrebsen Rückschlüsse auf die Evolution der Glattwale ziehen können. 


(c)  Iain Kerr, Ocean Alliance/Whale Conservation Institute


Walforscher waren lange Zeit unsicher, ob es nun zwei oder drei Glattwal-Arten sind, die der Gattung Eubalaena angehören. Oftmals weisen nur minimale Unterschiede im Körperbau und Aussehen auf mögliche Artenunterschiede bei Meeressäugern hin. Schützenhilfe und Klarheit erhielten die Meeresbiologen jetzt durch die Forschergruppe um den Zoologieprofessor Jon Seger aus Utah. Diese hatte in einer fünfjährigen Studie zur Genetik der Wal-Läuse gleich eine Antwort zur evolutiven Entwicklung der Glattwale geliefert.   


(c) Mariano Sironi, Institute of Whale Conservation, Buenos Aires

Danach teilten sich die Glattwale vor fünf bis sechs Millionen Jahren - zu einer Zeit, als sich der Pazifik vom Atlantik trennte - in zwei nördliche Arten und eine südliche Art auf. Warme, äquatoriale Ströme verhinderten, dass die Großwale mit ihrer dicken, wärmeisolierenden Blubberschicht die Äquatorgrenze passieren konnten. Vor zirka anderthalb Millionen Jahre überquerte dann trotzdem ein Südlicher Glattwal den Äquator und übertrug seine Wal-Läuse auf einzelne Individuen des Nördlichen Glattwals im Pazifik. Eindeutiges Indiz dafür war die genetische Variabilität der Kleinkrebse auf den untersuchten Walen.   


(c) Mariano Sironi, Institute of Whale Conservation, Buenos Aires

Ihren Trivialnamen "Wal-Läuse" erhielten die Verwandten der Krebse und Krabben wohl von den ersten Walfängern, die selbst häufig von Kopf- und Kleiderläusen befallen waren. Die Kleinstorganismen setzen sich an Hautschwielen sowie Hautfetzen der Meeressäuger fest und ernähren sich dort - analog zu den echten Läusen - von winzigen Hautstückchen. Jede einzelne Wal-Laus sieht in der Vergrößerung wirklich wie ein kleiner Krebs aus und wird nur bis zu etwa 13 Millimeter groß. Zusammen mit Seepocken und Würmern bilden sie aber große, deutlich sichtbare Kolonien auf der Oberfläche eines Wales. Ein Wal ist dabei im Schnitt von 7.000 bis 8.000 Wal-Läusen befallen.     


(c) Vicky Rowntree, University of Utah

Zwar lassen sich auch an Walen genetische Studien durchführen, doch sind die Ergebnisse in ihrer Aussagekraft nicht mit den Untersuchungen an Kleinkrebsen zu vergleichen. Die Parasiten sind weit verbreitet und haben kurze Reproduktionszyklen. Dadurch weisen sie eine größere genetische Variabilität auf und können die Wissenschaftler weitaus mehr Mutationen verfolgen. Die Laus-Studie gibt auch Anlass zur Hoffnung für die stark bedrohte Glattwal-Population im Nordpazifik. Die bisher untersuchten Wal-Gene ließen nämlich auf eine geringe genetische Variabilität schließen. Das bedeutet ein höheres Risiko von Inzucht und genetischen Defekten - dramatisch für die zukünftige Entwicklung der Gesamtpopulation. Nach den Resultaten der Gen-Studie an den Wal-Läusen scheint aber doch noch ausreichend unterschiedliches Genmaterial bei den Glattwalen vorhanden zu sein, um die Population gesund zu erhalten.          


(c) Roger Payne, Ocean Alliance/Whale Conservation Institute