Wale mit natürlichen Giftstoffen belastet

Woods Hole, Febr. 2005 - Meereswissenschaftler der renommierten Woods Hole Oceanographic Institution (WHOI) in Woods Hole, U.S.A. präsentierten in der Februar-Ausgabe des Wissenschaftsjournal Science neue Erkenntnisse zur Belastung von Meeressäugern durch Chemikalien. Erstmals konnten sie zeigen, dass Rückstände giftiger Chemikalien im Körper von Walen auch aus natürlichen Quellen stammen. Die Studie der Forschungsgruppe um die Meereschemikerin Emma Teuten wirft grundsätzlich neue Fragen hinsichtlich der Herkunft chemischer Stoffe in der Umwelt auf.


Meereschemikerin Emma Teuten bei der Präparation des Walfleisches. (Photo by Tom Kleindinst ©WHOI)

Schon seit langem ist bekannt, dass sich verschiedene chemische Substanzen im Körper von Mensch und Tier anreichern können. Zu diesen gehören auch die polybromierten Diphenylether (PBDEs) – stabile, biologisch nur schwer abbaubare organische Substanzen, die unter anderem als Flammschutzmittel in Möbeln und Bekleidung Verwendung finden. In Meeressäugern und Fischen wurde der verwandte Stoff MeO-BDE nachgewiesen. Er gehört neben Abbauprodukten des Pestizids DDT zu den meist verbreiteten Giftstoffen in der Umwelt. Seine genaue Herkunft war bisher jedoch unbekannt.

Nun konnte die amerikanische Wissenschaftlerin Emma Teuten nach monatelanger Laborarbeit ein Milligramm dieses Stoffes aus insgesamt zehn Kilogramm Walfleisch isolieren. Die Probe stammte von einem an der Küste Virginias tot aufgefundenen True-Wal, einem seltenen Schnabelwal. Die Probemenge reichte der Forscherin, um sie mit Hilfe massenspektrometrischer Verfahren auf ihre Herkunft zu untersuchen. Bei dieser so genannten Radiokarbon-Methode wird der Zerfall eines radioaktiven Kohlenstoff-Isotops untersucht. Stoffe aus natürlichen Quellen zeigen ein messbares Radiokarbon-Signal, Stoffe aus menschlichen Quellen – wie zum Beispiel der Petrochemie – dagegen nicht.   


Emma Teuten und ihr Kollege Li Xu im Analyselabor. 

(Photo by Tom Kleindinst ©WHOI)

Die genaue Analyse der Walprobe kam zu dem überraschenden Ergebnis, dass das MeO-BDE natürlicher Herkunft war. „Wir wussten bisher, dass sich industriell erzeugte Stoffe in Tieren anreichern. Nun hat sich gezeigt, dass auch natürliche Stoffe akkumuliert werden“, sagte Teuten. „Aber hat der Wal das MeO-BDE durch seine Nahrung, die Tintenfische, aufgenommen und wenn ja, wodurch wurden die Tintenfische belastet?". Für Teuten und ihre Kollegen haben sich viele weitere Fragen aufgetan aber in naher Zukunft vielleicht auch schon die ersten Antworten. So könnten die Erkenntnisse aus der Wal-Studie Toxikologen bei der Frage helfen, wie und warum es Enzymen im Körper möglich ist, Stoffe wie PCBs zu metabolisieren.  

Quelle: WHOI