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Wider
aller Vernunft
Holländische
Seehundstation Pieterburen ist weiterhin um Auswilderung eines
in Gefangenschaft aufgewachsenen Seehundes bemüht.
Wissenschaftler sehen darin jedoch eine Gefährdung für das
Tier und die Wildpopulation.
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21.10.2004
- Pieterburen, Holland - Der Streit um die Zukunft von Seehund
"Hannes“ dauert an. In einem Brief sprachen sich jetzt die Bürgermeister
von Nordhorn und der benachbarten niederländischen Gemeinde
Denekamp, Meinhard Hüsemann und Frans Willeme, für eine Rückkehr
des jungen Seehundes in den Tierpark Nordhorn aus. Die Stadt-Oberhäupter
äußerten in dem Schreiben an die holländische Seehundstation
Pieterburen ihre Besorgnis über die Entwicklung von
"Hannes“.
"Hannes“
war Ende August aus dem Tierpark Nordhorn ausgebüxt und erst nach
mehrfachen Versuchen auf niederländischem Gebiet eingefangen und in
die Seehundstation Pieterburen gebracht worden. Seitdem gibt es eine
Auseinandersetzung um die Zukunft des Seehundes, vor allem zwischen
der Seehundstation Pieterburen und den niederländischen Behörden.
Im Regelfall werden in Holland und Deutschland in Gefangenschaft
geborene Seehunde wegen der Gefahr der Keimeinschleppung in die
Wildbestände nicht ausgewildert. Die Station Pieterburen hofft
jedoch auf eine Ausnahmegenehmigung.
Auf
Kosten der Population
Das
wesentlichste Argument gegen die Auswilderung einzelner Tiere wie
Hannes liegt im fehlenden Nutzen für die Wildpopulation. Der
Bestand an wilden Seehunden ist grundsätzlich nicht auf die
Auswilderung von Zootieren angewiesen. Im Gegenteil stellt die Rückführung
ins offene Meer eine potentielle Bedrohung für die Wildtiere dar.
Die von Wissenschaftlern als genetische Fitness bezeichnete Überlebensfähigkeit
einer Population kann durch Auswilderungsprogramme gefährdet
werden. Tiermediziner und Tierpfleger eines Gefangenschaftstieres
wie Hannes wissen zum Beispiel nichts über seine genetische
Konstitution – auch wenn er sich körperlich als gesundes und gut
entwickeltes Tier darstellt. Damit
wird durch menschlichen Einfluss die natürliche Auslese außer
Kraft gesetzt, wodurch die Fitness der Wildpopulation langfristig
abnimmt.
Ausgewilderte
Seehunde stellen aber auch eine direkte Gefahr für ihre Artgenossen
dar. Die in Gefangenschaft mit Medikamenten behandelten Tiere
bedeuten für die Wildpopulation ein zusätzliches Infektionsrisiko:
Die Arzneien haben möglicherweise Krankheitssymptome nur unterdrückt
und es können aus der Seehundstation lebensraumfremde Keime
eingeschleppt werden. Auf den dicht besiedelten Ruheplätzen können
diese Keime dann in kürzester Zeit auf viele Tiere übertragen
werden.
Kinder,
Tiere, Emotionen...
Die
Seehundstation Pieterburen zeigt sich unbeeindruckt von fachlichen
Bedenken und bestehenden Gesetzesregelungen. Sie bemüht sich
weiterhin um eine Ausnahmegenehmigung für die Auswilderung. Und da
ihr sachliche Argumente fehlen, wird auf die Tränendrüse gedrückt.
Ein besonders im Tierschutz leider zu häufig strapaziertes Mittel.
Man nehme eine – vermeintlich – leidende Kreatur und mische
daraus einen Marketing-Mix, gewürzt mit Schlagworten wie
„Freiheit“ beziehungsweise „Rettung“. Aus werbestrategischer
Sicht verfügt die holländische Seehundstation über ideale
Komponenten für eine gelungene Selbstvermarktung. Die Werbefigur könnte
schöner nicht sein: Seehund Hannes mit den großen Knopfaugen. Das
vermeintlich hehre Ziel ist eindeutig benannt: Freiheit für Hannes.
Die Hintergrundstory stimmt auch: So haben holländische Kinder eine
Unterschriftenaktion für die Auswilderung von Hannes gestartet und
Königin Beatrix um Hilfe gebeten. Schöner
können Märchen nicht geschrieben werden. Die unschuldigen Kinder,
das geschundene Tier und die mächtige Königin, die durch ihren
Einfluss alles wieder zum Guten wendet.
Herz
für Tiere mit Todesfolge
Ein
Märchen, wie gesagt, denn mit Realitätsbezug hat das von den
Betreibern der Seehundstation verfolgte Ziel nichts zu tun. Es ist
reines Marketing mit fast hundertprozentiger Erfolgsgarantie.
Auswildern lässt sich nämlich – zumindest in der Theorie –
selbst das krankeste Tier. Man muss es nur halblebend über die
Bordwand eines Schiffes schaffen. Was danach kommt, interessiert
weder die Medien noch die Öffentlichkeit und ist vor allen Dingen
nicht mehr verfolgbar. Der Schlusspunkt der Geschichte heißt damit
„erfolgreiche Auswilderung eines Seehundes“. Dabei gibt es bis
heute keine wissenschaftliche Untersuchung, die in fundiertem Umfang
die Überlebensquote ausgewilderter Seehunde bestimmt. Wer also
entgegen aller wissenschaftlicher Argumente und Bedenken immer noch
den Schutz des Individuums über den Schutz einer Population oder
auch Art stellt, dem sei abschließend folgendes mit auf den Weg
gegeben. In einer Seehundstation oder in einem Tierpark ist das
weitere Überleben von Hannes auf jeden Fall gesichert. Kein
Fachmann ist jedoch in der Lage, Hannes Überlebenschancen im freien
Meer annähernd abzuschätzen. Es besteht nur eine relativ hohe
Wahrscheinlichkeit, dass das unerfahrene Gefangenschaftstier in
freier Wildbahn verhungert. Damit wäre jede Initiative zur
Auswilderung von Hannes ein Schritt in Richtung seines Todes –
welch Ironie des Schicksals.
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