Steinzeitjäger im Packeis

Fast 350 000 Robben - so viele wie seit Jahrzehnten nicht mehr - sind vor Kanadas Küste abgeschlachtet und gehäutet worden. Manche waren noch lebendig. Die Regierung soll eine Untersuchung eingeleitet haben.

von Thomas Orthmann 

- erschienen in der Welt vom 16. April 2004 -


Für 2003-2005 hat Kanada die Tötung von einer Million Robben gestattet

Foto: AP

Wenn sie wenigstens richtig töten könnten  -  Tiefrote Blutlachen im blendenden Weiß des kanadischen Packeises, ausgenommene und gehäutete Tierkörper liegen aufgereiht nebeneinander. Wenn Kanadas Robbenjäger im Frühjahr die alljährliche Jagd eröffnen, lassen Hunderttausende Sattelrobben vor den Küsten Neufundlands und Labradors ihr Leben. Ihren Höhepunkt erreichte die diesjährige Jagdsaison, als am Montag in weniger als 36 Stunden 300 000 Robben erlegt wurden - die weltweit größte Massentötung von Wildtieren.

Wenn der Hakapik, ein mit einem Haken bewehrter Schlagstock, niedersaust, haben die noch schwimmunfähigen und zumeist unter drei Monate alten Jungtiere keine Chance. Im besten Fall sind sie sofort tot. Trifft der Stock nicht mit der nötigen Kraft oder nicht an der richtigen Stelle, muss nachgeschlagen werden - oder die Robben werden bei lebendigem Leibe gehäutet.

Der Internationale Tierschutz-Fonds (IFAW), hat das blutige Treiben vor Kanadas Küste auf Video dokumentiert. "Die meisten Robben, die sie umbringen, sind kaum vier Wochen alt", sagt Rebecca Aldworth vom IFAW, "Das ist keine Jagd, das ist ein Massaker."

Kanadas Regierung wehrt sich gegen diese Vorwürfe und verweist auf die Vorgaben der staatlichen Fischereibehörde. Danach ist jeder Robbenjäger angewiesen, den Zustand des Tieres mit Hilfe des Pupillenreflexes zu überprüfen. Eine Arbeit, die sich jedoch kaum einer der eigentlich hauptberuflichen Fischer macht. Allein der Internationale Tierschutz-Fonds verfügt nach eigenen Angaben über 660 dokumentierte Fälle, in denen die Jungtiere bei ihrer Häutung noch lebten. Aber bei 12 000 lizenzierten Robbenjägern und 350 000 zur Bejagung frei gegebenen Sattelrobben - eine Rekordquote - können auch die wenigen staatlichen Jagdinspektoren nicht gewährleisten, dass in jedem Fall eine "saubere" Tötung erfolgt.


Das Jungtier wurde getötet, 
die Mutter bleibt zurück

Fast eine Million Sattelrobben dürfen nach einem Management-Plan der kanadischen Regierung in den Jahren 2003 bis 2005 getötet werden. Dass dies mit einem Image- und Akzeptanzproblem für eine ganze Nation verbunden ist, weiß Kanadas Fischereiminister Robert G. Thibault nicht erst seit diesem Jahr. Greenpeace hatte bereits Anfang der 80er die Welt mit Bildern blutverschmierter Robbenbabys schockiert.

Für die kanadische Fischereilobby Grund und Zeit genug, Argumente für die Nutzung einer natürlichen Ressource - sprich, die Sattelrobben - zu finden. Schließlich hat die Robbenjagd in Kanada eine lange Tradition: Bereits vor 4 000 Jahren jagten Eingeborene Sattelrobben und Walrosse auf dem küstennahen Packeis. Mit Hinweis auf die Historie wird heute versucht, das Robbenschlachten der Tierproduktion in der Landwirtschaft gleichzusetzen und damit gesellschaftsfähig zu machen. "Hühnerfarmen und Schlachthäuser sind Eigentum privater Firmen und der Verbraucher bekommt kaum Einblick, was hinter ihren Mauern passiert", sagt Earle McCurdy, Präsident der Fischerei- und Nahrungsmittelgewerkschaft. "Für einen Städter ist Nahrung etwas, das in Cellophan verpackt im Supermarkt liegt. Die Drecksarbeit wurde bereits vorher gemacht."


Hinter der vermeintlichen Besinnung auf alte Landestraditionen steckt mittlerweile eine ganze Industrie mit Jahresumsätzen im zweistelligen Millionenbereich. Nur ein Bruchteil der Robbenprodukte verbleibt dabei auf dem einheimischen Markt. Die Felle wandern mit Stückpreisen von 40 kanadischen Dollar nach Russland, Polen und in die Ukraine. Robbenpenisse gehen für 25 Dollar nach Übersee, wo sie - vornehmlich im asiatischen Raum - als pulverisiertes Aphrodisiakum eine wundersame Wertsteigerung von mehreren Hundert bis Tausend Prozent erfahren. Kanada versucht, diese Exportmärkte zu stärken. So wurde das in Quebec ansässige Firmenkonsortium TAMASU im Jahre 2000 von der Regierung mit 800 000 Dollar subventioniert. Das Konsortium vertreibt neben Fleisch, Fellen und Häuten von Sattelrobben auch das Öl aus der Fettschicht der Meeressäuger. Das Robbenfett wird dabei mit Hilfe deutscher Maschinen nach dem Olivenöl-Verfahren kalt gepresst und auf dem chinesischen Markt vertrieben. Ein neuer Boom beim Exportschlager "Sattelrobbe" ist also nicht von der Hand zu weisen.


Eine erlegte Robbe wird zum Motorschlitten transportiert

Steinzeitjäger im Packeis (2)

Interessant ist dabei, dass keiner der kanadischen Jäger den Robbenfang im Vollerwerb betreibt oder in seiner Existenz allein vom Fleisch und Fell der Robben abhängig ist. Entgegen entsprechender Äußerungen von Seiten der Regierung und Fischereigewerkschaft bedeutet die Robbenjagd vielmehr ein saisonales und lukratives Nebengeschäft für die kanadischen Fischer.

Dass Kanadas Fischerei nach Einkommensalternativen suchen muss, ist ein hausgemachtes Problem. Jahrelanges Missmanagement in der Fischereiwirtschaft hat die Kabeljaubestände vor Neufundland in den 90er Jahren fast vollständig zusammenbrechen lassen. Ein Sündenbock war schnell gefunden und mit ihm auch eine weitere Legitimation für die Jagd auf Sattelrobben. Ken Campbell, Sprecher der Fischindustrie, fasst die Meinung fast aller kanadischen Fischer zusammen, wenn er sagt, dass die große Robbenpopulation von zirka 5,2 Millionen Tieren maßgeblich Schuld an der Dezimierung der Fischbestände sei.

Eine Aussage, die nach wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht haltbar ist. Sattelrobben sind, wie viele andere Robbenarten auch, opportunistische Jäger. Das heißt, sie interessieren sich für eine Vielzahl unterschiedlicher Beuteorganismen. Zu ihrem Nahrungsspektrum zählen 67 verschiedene Fischarten und über 70 Vertreter aus der Gruppe der marinen Wirbellosen wie Tintenfische oder Krebse. Der atlantische Kabeljau ist zwar fester und regelmäßiger Bestandteil des Speiseplanes, macht aber nur drei Prozent der gesamten Nahrungsmenge aus.  


Robbenfleisch in Dosen

Kanadas Jäger stehen bei weitem nicht allein in der Anwendung steinzeitlicher und als grausam bewerteter Tötungsmethoden. Gerade erst wurden die Fangmethoden der großen Walfangnationen Japan, Norwegen und Island wieder von Tier- und Umweltschützern angeprangert. Anfang März veröffentlichte ein Bündnis aus 140 unabhängigen Organisationen einen Bericht mit dem Titel "Troubled Waters". Der Bericht liefert zahlreiche wissenschaftliche Beweise für die Grausamkeit heute immer noch praktizierter Walfangmethoden. Demnach haben sich die Technologien des Walfangs seit Anfang des 19. Jahrhunderts kaum geändert. Damals wurden mit Granaten bestückte Harpunen verwendet, heute dringen spezielle Explosivharpunen in den Walkörper ein, um dort zu detonieren. Die inneren Verletzungen und der physische Schock der Explosion sollen möglichst schnell zum Tode führen. Die Realität sieht jedoch auch hier anders aus. Die Wirkung der Explosivgeschosse verfehlt häufig die lebenswichtigen Organe, so dass die Tiere schwer verletzt einen Todeskampf von bis zu einer Stunde führen. Dass dies nicht die Ausnahme ist, zeigen die Statistiken der Walfangnationen selbst: Norwegen berichtet, dass 2002 jeder fünfte Wal nicht sofort getötet werden konnte. Japan berichtet sogar von 60 Prozent der Tiere, die 2002/2003 nur angeschossen aber nicht direkt getötet werden konnten. Peter Davies, Vorstandsmitglied der "World Society of Protection of Animals" (WSPA), einer der führenden Gruppen und Initiatoren der Kampagne, sagt: "Die ganzen Diskussionen um Populationstatistiken einzelner Walarten hat in den letzten Jahren einen Punkt völlig in den Hintergrund rücken lassen: die grausame Art und Weise, mit der jedes einzelne Tier getötet wird. Ob es nun um einen oder aber um Tausende Wale geht - der Walfang ist allein aufgrund seiner Grausamkeit falsch und zu verurteilen."

Das größte Robbenschlachten seit Jahren in Kanada soll sich unterdessen dem Ende nähern. "Nur Robbenjäger in kleinen Booten dürfen noch auf die Jagd gehen", so eine Sprecherin des Fischereiministeriums. Nach dessen Schätzung ist die für 2004 erlaubte Quote von 350 000 Robben fast erreicht.

Der Autor ist Meeresbiologe. Robben sind einer seiner Forschungsschwerpunkte