Ein Zwergwal taucht auf (Jason Gedamke)

Wenn Wale erzählen
Wissenschaftler nahmen die "verrücktesten Geräusche" der Unterwasserwelt auf - die Rufe und Laute der Zwergwale

Von Lee Dye
ABCNEWS.com

Das erste mal, als Jason diese komischen Geräusche aus der Tiefe des Meeres am australischen Great Barrier Reef vernahm, glaubte er, in einem Science Fiction Film gelandet zu sein. "Ich dachte nur, wow, das hört sich an wie ein Lasergewehr aus Star Wars!"

Geräusche aus einer anderen Welt
Jason Gedamke ist Doktorand an der Universität von Kalifornien in Santa Cruz. Sein Spezialgebiet ist die Unterwasserakustik. Für sein Dissertationsprojekt hat er sich das Great Barrier Reef in Australien ausgesucht, an dem er Zwergwale studieren möchte - eine der wohl interessantesten Walarten weltweit. Obwohl einige Experten überzeugt davon waren, dass Zwergwale relativ stille Tiere sind, hoffte Jason, irgendwelche Geräusche dieser Wale nachweisen und aufnehmen zu können. Zunächst wusste der Meeresbiologe auch nicht, woher diese fremden Geräusche stammten, die er eines Tages über seine Hydrophone aufzeichnete. Als er das Deck des Öko-Tourismus-Schiffes "Undersea Explorer" entlang ging, war er nur von einer Sache überzeugt: Zwergwale waren garantiert nicht die Quelle dieser Geräusche. "Ich erzählte den Leuten an Bord, dass ich die wohl verrücktesten Geräusche auf der Welt aufgezeichnet hatte. Aber sie würden garantiert nicht von einem Wal stammen. Ich konnte es einfach nicht glauben," sagte Jason. "Die Geräusche klingen sehr synthetisch, metallisch, so als ob jemand auf ein Ölfaß schlägt. Es hörte sich auf jeden Fall nicht nach etwas von biologischem Ursprung an."    

Jason hat seine Meinung mittlerweile geändert. Nachdem er über drei Beobachtungssaisons diese Laute aufnehmen konnte, ist er sich sicher. Sie stammen tatsächlich von Zwergwalen die so neugierig auf Menschen zu sein scheinen, dass sie dem Beobachtungsschiff, welches durch ihre Gewässer fuhr, ständig folgten.

Skeptische Mission nach Australien
Gedamke und sein Doktorvater, Daniel Costa, Professor für Ökologie und Evolutionsbiologie an der UC Santa Cruz, sind auf Einladung von Andy Dunstan nach Australien gereist. Dunstan ist Wissenschaftler an Bord der "Undersea Explorer". Die Eigner des Schiffes wollten von Beginn an Öko-Tourismus mit wissenschaftlicher Forschung verknüpfen. Der Australier hatte sich an den renommierten Walforscher Costa gewandt, da jedes Jahr eine ungewöhnlich neugierige Gruppe von Zwergwalen das Great Barrier Reef zur Paarung aufsuchte.
Dunston hoffte, dass die kalifornischen Kollegen in der Lage wären, irgendwelche Lautäußerungen dieser Zwergwale aufzunehmen - trotz des Umstandes, dass einige andere Kollegen mit diesem Vorhaben bisher gescheitert waren. Mit einer entsprechenden Portion Skepsis aber immerhin einer finanziellen Förderung des amerikanischen Office for Naval Research, welches an Unterwassergeräuschen jedweder Art immer interessiert ist, machten sich die beiden Kalifornier auf die Reise. Wer würde außerdem schon eine solch interessante Einladung ausschlagen können?  

Costa und Jason benutzten für ihre Untersuchung eine lange Hydrophone-Leine, an der in weitem Abstand fünf Unterwasser-Mikrophone befestigt waren. Neben dem Boot durch das Wasser gezogen, konnten die weit auseinander liegenden Hydrophone jedes mögliche Geräusch exakt orten. Und wenn die Zwergwale etwas zu erzählen hatten, dann würden es die Wissenschaftler auch erfahren.

Gitarrenfisch und Boingfisch
1997 kehrten die Wissenschaftler von der ersten ihrer insgesamt drei Expeditionen zurück. Auf den Tonbändern hatten sie seltsame Geräusche aufgezeichnet, die sie am Great Barrier Reef zum ersten mal gehört hatten. Zur genaueren Überprüfung schickten sie Kopien der Tonbänder an Walforscher aus aller Welt - doch das Feedback war mehr als entmutigend. Ein Wissenschaftler sagte, dass die Geräusche niemals von einem Tier oder einem anderen biologischen Ursprung stammen könnten. Er empfahl seinen Kollegen, doch mal bei der australischen Navy nachzufragen, ob die nicht dafür verantwortlich sei. Das taten Costa und Jason dann auch und erfuhren, dass die Navy diese Geräusche nicht verursacht, sie aber schon über einen Zeitraum von 15 Jahren aufgezeichnet hat. "Doch sie wussten nicht, um was es sich dabei handeln könnte," sagt Jason. "Einige bezeichneten die Quelle als Gitarrenfisch, andere nannten sie Boingfisch. Aber eine wirkliche Vorstellung von der Herkunft der Laute hatte keiner." 

Mit Hilfe einer zusätzlichen Finanzierung durch die National Geographic Society konnten Gedamke und Costa dann 1998 und 1999 ihre Untersuchungen in Australien fortsetzen. Dabei nahmen sie bei 42 Wal-Begegnungen insgesamt 92 Stunden der Wallaute auf. Indem sie die Aufzeichnungen exakt mit den Wal-Begegnungen verglichen, konnten sie schließlich die Sache auf den Punkt bringen. Die bizarren Geräusche stammten tatsächlich von den Zwergwalen. Sofort publizierten sie ihre Erkenntnisse im Journal of the Acoustic Society of America.  

Soziale Gesellen
Gedamke glaubt, dass sie so erfolgreich waren, weil sie ihre Aufzeichnungen zu anderen Zeiten und an anderen Orten als die Wissenschaftler vor ihnen gemacht hatten. Die Zwergwale am Great Barrier Reef, die etwas kleiner als ihre Artgenossen der anderen beiden Populationen auf der Süd- und Nordhemisphäre sind, schienen die Aufmerksamkeit zu lieben, die sie hervorgerufen haben. "Zwergwale an sich waren schon immer als sehr neugierig bekannt," erzählt Gedamke. "Doch diese Population unterscheidet sich in diesem Punkt wirklich von allem, was sonst noch im Meer schwimmt."
Manchmal driftete oder stoppte die "Undersea Explorer", da kein Wal in Sicht war. Doch binnen weniger Minuten war das Schiff von Walen umgeben, die immer wieder darum herum schwammen. "Eine Begegnung mit 10 Tieren dauerte fast 11 Stunden," berichtet Gedanke begeistert.

Wissenschaftler und Touristen gingen immer wieder ins Wasser, um mit den Walen im Meer zu schwimmen. "Es ist ein absolut unglaubliches und surreales Erlebnis, an einer Leine hinter der "Undersea Explorer" hergezogen zu werden und um sich herum überall Wale zu sehen, wo man nur hinschaut."

"Zwerge" von 14 Tonnen Gewicht
Gedamke gibt zu, dass die Begegnungen auch etwas beklemmend waren. Die Wale heißen zwar Zwergwale, was aber nicht heißt, dass sie deswegen klein sind. Ausgewachsene Tiere können 10 Meter lang und 14 Tonnen schwer werden. "Diese großen Kreaturen schwimmen bis auf wenige Meter an Dich heran und beäugen dich von oben bis unten. Im ersten Moment ist einem schon ein bisschen mulmig zumute. Aber nach einigen Minuten im Wasser stellt man fest, dass die Tiere nur neugierig und absolut passiv sind. Sie umkreisen einen für Stunden, beobachten die Menschen, beobachten das Schiff und schwimmen dann einfach ihrer Wege," sagt Gedamke.
Gedamke konnte die Star Wars Laute der Wale auch hören wenn er selbst im Wasser schwamm. Waren die Tiere nah genug, spürte er sogar die Kraft der Schallwellen der sich nähernden Tiere. Was die Zwergwale zu erzählen haben, weiß Gedamke jedoch bis heute nicht. Er vermutet, dass es sich in den Gewässern vor Australien um Paarungsrufe handelt. Sicher ist er sich jedoch nicht. Vielleicht sagen die Wale aber auch, das der Mensch einfach nur zuhören sollte, wenn die Natur zu ihm spricht.

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