Weddell-Robben
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Anmutige Taucher und
gefährliche Kämpfer |
| ROSS ISLAND, Antarktis - Turk`s
Head ist ein unheimlicher Ort. Selbst im Licht der
Mittagssonne wirkt die felsige Landschaft düster und wie
verhext. Das Stöhnen und Blöken der Weddell-Robben wird von
den Felsen zurückgeworfen. Skuas, große Raubmöwen, ziehen
drohend ihre Kreise in der Luft. Wissenschaftler Mike Cameron
schreitet vorsichtig um ein Robbenweibchen mit ihrem Jungen
herum und schaut nach einer hellen Plastikmarke, die an einer
ihrer Hinterflossen befestigt ist. |
Mike Cameron und Shawn Dahle
bereiten
die Markierung einer
Weddell-Robbe vor |
Er überprüft auch alle anderen Robben in der
Nähe. Mit seinen Kollegen greift er sich alle Tiere, die noch nicht
markiert sind. "Hier ist eines," ruft Cameron seinem
Kollegen Shawn Dayle zu. Die beiden nähern sich der Robbe, immer
auf einen Angriff vorbereitet. "Für ein 400kg schweres
Raubtier können sich die Weddell-Robben erstaunlich behende
bewegen," meint Cameron.
Robben zu markieren, ist ein schwieriges und gefährliches
Unterfangen. Ein Forscher muss dem Tier eine Halterung über den
Kopf werfen und sich auf seinen Rücken setzen. Während er die
Robbe so fixiert, bringt ein zweiter Wissenschaftler die
Plastikmarken an. Jede Robbe reagiert auf diese ungewohnte
Behandlung anders. Die Stärksten schaffen es, ihren menschlichen
Ballast mehrmals vom Rücken zu werfen, bevor die Flippermarken
erfolgreich angebracht sind. Doch die Prozedur ist notwendig, um die
1960 begonnene Forschungsarbeit an den Weddell-Robben des McMurdo
Sounds erfolgreich fortzusetzen. Die damals markierten Tiere
schwimmen immer noch in den antarktischen Gewässern und lehren die
Forscher jedes Jahr neue Dinge über das Leben eines Meeressäugers
in diesen kalten Regionen.
| Bisher weiß man zum Beispiel
noch nicht, wie alt Weddell-Robben werden können und wie oft
sie sich im Laufe ihres Lebens fortpflanzen. Einige Weibchen,
die in den 70er Jahren als Neugeborene markiert wurden,
bringen noch immer jedes Jahr ein Jungtier auf die Welt, ohne
dass ein Ende der Fruchtbarkeitsphase abzusehen wäre. Ein
weiteres Mysterium sind die wilden Kämpfe der männlichen
Weddell-Robben. Die Wissenschaftler wissen, dass diese
Auseinandersetzungen sehr gewaltsam sein müssen. Schwere
Wunden und Narben zeugen davon. |

Zwei Weddell-Robben auf dem
Eis der Antarktis |
Doch wissen die Biologen noch nicht, was genau
unter der Wasseroberfläche passiert. "Einige Konflikte werden
an der Oberfläche ausgetragen," sagt Wissenschaftler Dan
MacNulty, "aber die Mehrzahl findet in der Tiefe statt. Es ist
erstaunlich, welch schwere Kämpfe diese Tiere überleben." Die
Sieger dieser Kämpfe bestimmen den Fortpflanzungserfolg der
Weddell-Robben, über den auch nur sehr wenig bekannt ist. In 30
Jahren Forschung konnte bisher nur ein Photo zweier säugender
Weddell-Robben gemacht werden.
Die Forschungsgruppe um den Robbenexperten Don Siniff
versucht dies zu ändern. In einer knallroten Hütte auf dem Eis
sitzen sie um einen Monitor herum, der mit einer Unterwasserkamera
verbunden ist. Forschungsassistentin Kolene Krysl steuert die Kamera
über einen kleinen Joystick. Sie richtet sie auf einen Spalt im
Eis, durch den die Sonnenstrahlen in die eisige Tiefe fallen. Robben
erscheinen plötzlich aus der Dunkelheit, schwimmen auf diesen Spalt
zu, holen Luft und verschwinden wieder im Nichts. Die Kamera soll
die Unterwasserwelt der Robben beobachten, die den Forschern bisher
verborgen war. "Die Idee ist, insbesondere mehr über die
Männchen zu erfahren," sagt Dan MacNulty "Sie bekämpfen
sich teilweise bis auf`s Blut." Die Kamera ist die einzige
Möglichkeit, diese Kämpfe zu beobachten.
| "Wir möchten vor allen
Dingen die Interaktionen zwischen den Männchen dokumentieren,
wenn die großen Tiere ihre Territorialansprüche
verteidigen," ergänzt Krysl. "Die großen Bullen
stecken Unterwasser-Territorien ab, in denen sie keine
Eindringlinge dulden." Die meisten großen Säuger, wie
zum Beispiel Bären, tragen nur Schau- bzw. Imponierkämpfe
aus und bluffen nur. Verletzungen versuchen sie in der Regel
zu vermeiden. Nicht so die Weddell-Robben. Je mehr die
Forscher über diese Tiere erfahren, desto mehr realisieren
sie, wie brutal und gewalttätig ihre Auseinandersetzungen
sind. |

Kolene Krysl und Dan MacNulty
beobachten
die Aufnahmen der Unterwasserkamera |
Etwa 80% der 1400 Weddell-Robben in dieser Region
wurden bereits von den Forschern markiert. Von jedem einzelnen Tier
wurde das Alter, das Geschlecht, der Geburtsort und das Geburtsdatum
registriert. Indem sie die Neugeborenen markieren und die
dazugehörige Mutter identifizieren, können die Wissenschaftler die
Generationenfolge lückenlos dokumentieren. "Wenn wir ein
Jungtier sehen, können wir sofort feststellen, wer seine Mutter,
Großmutter oder Urgroßmutter war," berichtet Cameron. Die
Vaterschaft lässt sich dagegen ungleich schwerer feststellen. Bis
vor kurzem konnte man nicht sagen, welches Männchen sich mit
welchem Weibchen gepaart hatte, da die Paarung unter Wasser
stattfindet und die Männchen nicht and der Aufzucht der Jungtiere
beteiligt sind.
Neueste Untersuchungsmethoden haben dies jedoch geändert. Mit Hilfe
der Genanalyse können nun auch Vaterschaften und weitere
Verwandtschaftsbeziehungen festgestellt werden. Gewebeproben geben
Auskunft darüber, welche Tiere sich fortpflanzen und welche Tiere
aus dem Paarungsgeschehen als Verlierer hervorgehen. "Wir
können schon sagen, dass nur ein kleiner Anteil der Männchen am
Fortpflanzungsgeschäft beteiligt ist," erläutert Cameron. Er
schätzt, dass ein erfolgreiches Männchen mit verschiedenen
Weibchen bis zu sieben Nachkommen pro Paarungssaison zeugen kann.
Zur Ausrüstung der Wissenschaftler gehören auch Kameras und
Fahrtenschreiber, die auf dem Rücken der Tiere befestigt werden.
Die Fahrtenschreiber zeichnen die Tauchtiefe und Tauchrichtung der
Weddell-Robben auf, während die Kamera gleichzeitig Hunderte von
Bildern aufnimmt. So wird langsam aber sicher das Geheimnis der
Weddell-Robben und ihrer Lebensweise gelüftet.
Im Original auf usatoday.com |