Tödlicher Virus

Erneutes Seehundsterben im Wattenmeer?

Juli, 2002 - Nachdem ein Virus 1988 über die Hälfte des Seehundbestandes im Wattenmeer vernichtet hat, gibt es drohende Anzeichen für einen erneuten Virusausbruch. Fast 300 Seehunde verendeten bis Ende Juni in der Nähe der dänischen Inseln Læsø, Anholt, Hesselø und Seeland. Mediziner vom Veterinärmedizinischen Institut in Aarhus, Dänemark bestätigten, dass die Tiere – wie auch die Seehunde vor 14 Jahren – vom Phocine Distemper Virus, PDV befallen waren. Dieser Hundestaupevirus greift das Immunsystem der Meeressäuger an und führt insbesondere über Lungeninfektionen zum Tod. Während die Epidemie sich 1988 von der dänischen über die deutsche, holländische und britische Küste ausbreitete, scheinen bisher noch keine Seehunde in deutschen Gewässern betroffen zu sein.

Schwaches Immunsystem
Anlass zur Sorge bereitet jedoch der Fund eines toten Seehundes auf der holländischen Insel Vlieland Mitte Juni. Virologen des Erasmus Medical Centers in Holland konnten auch bei diesem Tier den Staupevirus nachweisen. Typische Krankheitssymptome des Virusbefalls sind Husten und schleimiger, blutiger Auswurf aus Maul und Nase durch Infektionen der Atemwege und Lunge. Dass sich der Tierkörper nicht gegen die Entzündung wehren kann, liegt vermutlich an einer Schwächung des Immunsystems. Schlechte Wasserqualität, Nahrungsstress durch Überfischung und auch menschliche Störungen auf den Ruhebänken können die Immunabwehr der Seehunde angreifen. Ein Virus hat dann leichtes Spiel. Zumal die Seehundpopulation vor der deutschen Küste wieder ansteigt. Etwa 20.000 Tiere dürften zur Zeit im Wattenmeer und der südlichen Nordsee unterwegs sein. Eine hohe Populationsdichte vergrößert dann auch das Übertragungsrisiko auf den Sandbänken. Dort liegen die Tiere relativ dicht beieinander.

Ursache unbekannt
Woher das Hundestaupevirus stammt, ist noch nicht genau geklärt. Der Virus ist den Erregern der Kaninchen- und Rinderpest ähnlich und hat scheinbar auch von Land aus seinen Weg ins Meer gefunden. So soll die Epidemie von 1988 zwar von einer infizierten Sattelrobbe aus Grönland in die südliche Nordsee eingeschleppt worden sein, doch wurde das Virus wahrscheinlich zuvor durch küstennahe Otterfarmen freigesetzt. Auch beim neuen Ausbruch des Phocine Distemper Virus könnten Nerzfarmen an der dänischen Küste die Infektionsquelle sein. Entsprechende Untersuchungen von Wissenschaftlern stehen aber noch aus.

Keine Hilfe möglich
Gegen das tödliche Virus gibt es weder ein Medikament noch einen prophylaktischen Impfstoff. Einzig ein intaktes Immunsystem könnte die Seehunde vor Schleswig-Holstein und Niedersachsen vor dem Erreger schützen. Dafür müssten aber Faktoren wie Wasserqualität und ausreichender Schutz des Lebensraumes Wattenmeer stimmen. Ob die deutschen Seehunde es schaffen werden, zeigen die nächsten Wochen. Die Zahl der toten Seehunde in Dänemark und Schweden ist mittlerweile auf über 1.100 Tiere gestiegen – in Holland auf über 50.