Auf dem Weg nach unten

Wissenschaftler sind ratlos, angesichts der drastisch abnehmenden Bestände des Steller`schen Seelöwen

 

Die Population des Steller`schen
Seelöwen ist innerhalb der letzten
30 Jahre um 80% gesunken

 

07. JuliWo sie sonst Tausende gesehen haben, sehen sie nur noch Hunderte, wo sie früher Hunderte sehen konnten, sehen sie heute nur noch einige wenige. Häufig treffen sie überhaupt keine mehr an.

Die Rede ist von Wissenschaftlern bei der Erforschung Steller`scher Seelöwen. Die Population dieser Tierart im Nord- und West-Pazifik hat derart stark abgenommen, dass Wissenschaftler meinen, die ehemals übervölkerten Ruheplätze entlang der Aleuten glichen heute nur mehr Geisterstädten. Im gesamten Gebiet zwischen Zentral-Alaska und der Westküste Japans hat die Anzahl dieser faszinierenden Robbenart, die unter Wasser ebenso behende wie auf Land unbeholfen ist, in den letzten 30 Jahren um über 80% abgenommen. Ein erst kürzlich vom National Marine Fishery Service veröffentlichter Bericht kommt zu dem Schluss, dass die Steller`schen Seelöwen, die seit 1990 auf der Liste der bedrohten Tiere stehen, auf ihr Aussterben zusteuern.   

Zu wenig Nahrung?
Die Gründe für diesen dramatischen Populationseinbruch von über 250.000 auf mittlerweile 50.000 Individuen scheinen auf der Hand zu liegen: die Seelöwen finden in der kommerziellen Fischerei des Nordpazifiks ihren schärfsten Konkurrenten. Damit ist der Löwe schon seit Jahren nicht mehr König in seinem Dschungel.


Einige glauben, dass die Fischerei-Industrie für den Rückgang der Seelöwen-Population verantwortlich ist.

"Alle bisherigen Erkenntnisse sprechen dafür, dass ein drastischer Nahrungsmangel der primäre Grund für den Rückgang der Bestandszahlen ist," führt der National Marine Fishery Service in seinem Bericht aus. Dieser Schluss stützt sich auf den Umstand, dass die Fischerei auf Seelachs, Kabeljau und Makrele - der Hauptbeute der Seelöwen - explosiv angestiegen ist, während die Anzahl der Robben drastisch zurückging. Doch es verbleibt in der Ursachenforschung eine gewisser Grad an Unsicherheit, auf den natürlich auch die Fischindustrie verweist. Sie befürchtet, - bei entsprechender Ursachenverknüpfung - in ihren Fangquoten beschnitten zu werden.  

Im Grunde weiß keiner mit hundertprozentiger Sicherheit, was genau im Nordpazifik vor sich geht, und die richtigen Antworten auf die richtigen Fragen zu finden, ist nicht so einfach. Die wissenschaftliche Basis für eine Forderung nach Einschränkung der Fischerei ist zur Zeit noch derart schwach, dass ein Bundesgericht in Seattle zu folgendem Schluss kam: "Die verantwortlichen Stellen haben noch nicht ausreichend Beweise für die Verknüpfung des Populationseinbruches bei Seelöwen mit der Fischerei, um Fangrestriktionen erlassen zu können."

Schwer erreichbar und agressiv
Der Hintergrund für die mangelnde Beweislage liegt in der Natur der Tiere. Der Steller`sche Seelöwe - auch Nördlicher Seelöwe genannt - ist in gewisser Weise schon ein Monster der Tiefe. Männchen werden bis zu 3 Meter lang und wiegen mehr als eine Tonne. Die Tiere tauchen bis zu 300 Meter tief.

Sie finden ihr Zuhause in einem der unwirtlichsten Lebensräume dieses Planeten, so zum Beispiel auf den Barren Islands innerhalb der Aleuten, die die Bering See vom Golf von Alaska trennen. In diesen abgelegenen Regionen haben Wissenschaftler kaum eine Chance, das Verhalten und die Aktivität der Tiere über lange Zeit genauer zu studieren. Von den Fischer gehasst, da sie deren Netze beschädigen und um die gleichen Ressourcen konkurrieren, enden die Seelöwen nicht selten als Beifang im Netz. Eine tragische Situation, denn auf den Schiffen verhalten sich die Robben zumeist derart agressiv, dass die Fischer sie eher töten als zu versuchen, sie lebend von Bord zu bekommen.  


Über Jahre hat die kanadische Regierung das Töten von Seelöwen gebilligt, um deren Bestand in gewissen Grenzen zu halten. Vor ungefähr einem Jahrzehnt wurde der Steller`sche Seelöwe - der ungefähr doppelt so groß wie sein Cousin, der Kalifornische Seelöwe, ist - auf die Liste der vom Aussterben bedrohten Tierarten gesetzt. 1997 teilte man die Gesamtpopulation dann in zwei Gruppen auf: die eine, entlang der Küstenregionen Nordamerikas, von Kalifornien bis Süd-Ost-Alaska, wird nur noch als "gefährdet" eingestuft. Die andere, in den westlichen Regionen des Pazifiks, wird immer noch als "vom Aussterben bedroht" eingestuft. Sie könnte bei unzureichendem Schutz schon innerhalb eines Jahrzehntes ausgestorben sein.   

Seelöwen senden Warnsignale
"Doch warum," kann man sich fragen, "sollte irgendjemand um eine Robbenart besorgt sein, die kaum einer kennt und die in so entlegenen Regionen lebt?"

Wie bei jeder vom Aussterben bedrohten Tierart, so steht auch das Schicksal der Seelöwen als Mahnmal und Warnung dafür, dass irgendetwas in einem Lebensraum nicht mehr stimmt, und wir sollten besser herausfinden, was genau dies ist. Was hier auf dem Spiel steht, ist nicht nur der Seelöwe, sondern auch die - zumindest in früheren Zeiten gesunde - Fischerei. "Fischerei ist ein Millionen-Dollar-Geschäft," sagt Markus Horning, Wissenschaftler an der Texas A&M Universität in Galveston und Leiter eines der wohl ambitioniertesten Forschungsprojekte über Steller`schen Seelöwen. "Ungefähr die Hälfte des Speisefisches der Vereinigten Staaten kommt aus dem Golf von Alaska und der Bering See."  


Männchen können bis zu einer Tonne wiegen und sind, wenn  sie gefangen werden, äußerst aggressiv

Die meisten Experten glauben, dass diese Nahrungskonkurrenz durch den Menschen den drastischen Populationsrückgang verursacht hat. Doch das ist nach Ansicht von Dr. Horning nicht unbedingt der Fall. Der Meeresbiologe arbeitet mittlerweile im ersten Jahr eines noch mehrere Jahre andauernden Projektes, innerhalb dessen er bis zu 100 Tiere mit Sendern und Fahrtenschreibern ausrüsten möchte. Ein Vorhaben, dass bis zu 2.5 Millionen Dollar kostet.

Datenfernerkundung
Seelöwen werden schon seit mehreren Jahren mit Satellitensendern ausgerüstet. Doch kleben diese Sender auf dem Fell der Tiere und gehen entsprechend bei jährlichen Fellwechsel verloren. Damit enden auch die Erkenntnisse über ein Tier spätestens nach einem Jahr. Horning plant nun, die Messinstrumente und Sender unter die Haut zu verpflanzen, um einzelne Tiere ihr gesamtes Leben lang zu erforschen. Nachdem ein Seelöwe dann entweder gestorben ist oder vielleicht von einem Orca gefressen wurde, sollen die Sender wieder an die Oberfläche kommen und dort ihre gesammelten Daten per Satellit an die Wissenschaftler übertragen. 

Jede Messeinheit beinhaltet einen mikroprozessor-gesteuerten Computer, der über fünf Sensoren den Druck (und damit die Tauchtiefe), Temperatur, Bewegung, elektrische Leitfähigkeit (die ebenfalls Tauchtiefe anzeigt) und den Lichteinfall messen kann. Die Batterien reichen für 10 Jahre und in dieser Zeit sollen die Fahrtenschreiber ein genaues Bild des Verhaltens der Robben aufzeichnen.
Ein "Totmann-Sensor" überprüft regelmäßig die Bewegung der Seelöwen. Ist ein Tier gestorben - und wird dies vom Bewegungssensor erfasst - startet das Gerät sofort mit der Übertragung seiner Daten an Hornings Labor für Angewandte Biotelemetrie und Biotechnologie in Galveston.

Die Ergebnisse sollen zeigen, wie hart ein Tier für seine Nahrung arbeiten muss und inwieweit sich der dafür notwendige Aufwand über die Jahre ändert. Man könnte dann Aussagen dazu machen, ob Jungtiere eine unverhältnismäßig hohe Sterblichkeitsrate aufweisen, weil sie sich zu einem Zeitpunkt schwindender Ressourcen nicht an die harten Bedingungen in ihrem Lebensraum anpassen können.
Schließlich versprechen sich die Wissenschaftler auch Informationen über die Todesursachen bei Seelöwen. Ein plötzlicher Abbruch der Tauchaktivität könnte zum Beispiel auf einen dann satten Killerwal hinweisen. Eine stetige Abnahme der Tauchaktivität würde dagegen auf eine Schwächung des Tieres mit anschließendem Hungertod deuten.

Alles in allem sollen die Messinstrumente die Lebensgeschichten vieler einzelner Seelöwen erzählen, von den harten Tagen nach Beendigung der Stillzeit bis zum natürlichen Ende auf hoher See. Nach Horning ist dies das erste Mal, dass der gesamte Lebenszyklus eines Tieres untersucht wird. Doch noch ist der Forscher weit von diesem Ziel entfernt. Zunächst werden die Geräte noch an Kalifornischen Seelöwen getestet, um sicher zu gehen, dass die Instrumente die Tiere nicht behindern oder zu zusätzlichem Stress führen. Damit wäre nämlich das ganze Projekt hinfällig. Schließlich dauert es auch noch Jahre, bis die ersten Daten die Wissenschaftler überhaupt erreichen. Und da stellt sich die Frage, wieviele Steller`sche Seelöwen es zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch gibt? 

Lee Dye’s Berichte erscheinen regelmäßig auf Ozeane.de. Lee war Wissenschaftsjournalist der Los Angeles Times und lebt nun als freier Autor und Journalist in Juneau, Alaska.

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