Hörschaden

Gefährdet neues Sonar-System der U.S.-Navy Wale und Delphine?

W A S H I N G T O N, 16 Juli, 2002 — Die Bush-Administration hat der U.S.-Navy die Genehmigung für den Einsatz eines Niederfrequenz-Sonars zur U-Boot-Ortung erteilt. Umweltschützer und Wissenschaftler befürchten, dass das Sonar Wale, Delphine und andere Meeressäuger in ihrer Orientierung beeinträchtigen kann. Nach Angaben der Navy ist das $300 Millionen teure System in der Lage, 80 Prozent des weltweiten Meeresraumes zu überwachen. Es sei für die nationale Sicherheit von großer Bedeutung, da Länder wie Russland, China und Deutschland superleise U-Boote entwickeln, die mit herkömmlichen Methoden nicht detektiert werden können.

Der National Marine Fisheries Service gewährte der U.S.-Navy eine Sondererlaubnis, welche die amerikanische Marine für den Zeitraum von fünf Jahren von den Richtlinien des Marine Mammal Protection Acts entbindet. Der Marine Mammal Protection Act ist ein nationales Abkommen zum Schutz der Meeressäuger. Die Ausnahmegenehmigung für den Einsatz des sogenannten Surveillance Towed Array Sensor System, kurz Surtass LFA, wird jedes Jahr neu geprüft und bewertet. Die Navy bekam zudem zur Auflage, bei ihren Einsätzen auf Meeressäuger und Meeresschildkröten zu achten, und die Sonarversuche bei Sichtungen zu unterbrechen. Ursprünglich sollten vier Kriegsschiffe mit dem neuen System ausgerüstet werden. Aus Kostengründen gehen jedoch nur zwei Schiffe mit dem Niederfrequenz-Sonar auf Reise. Auf die Proteste von Umwelt- und Tierschützern antworteten Vertreter der Regierung: „Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Wale oder Delphine von dem Sonar beeinflusst werden. Die möglichen Auswirkungen auf einzelne Tiere oder Arten sind vernachlässigbar“.  

Die Vergangenheit hat jedoch gezeigt, dass besonders Wale sehr empfindlich auf Sonargeräusche reagieren. Die Tiere sind auf eine akustische Kommunikation und Orientierung angewiesen. Akustische Störungen haben deshalb einen negativen Einfluss auf die Beutejagd, Fortpflanzung und die Wanderungen der Meeressäuger.

So haben U.S.-Sonarversuche vor den Bahamas im März 2000 16 Wale und zwei Delphine an den Küsten der Inseln Abaco, Grand Bahama und North Eleutera stranden lassen. Acht Wale starben. Meeresbiologen und Veterinärmediziner stellten bei ihren anschließenden Untersuchungen fest, dass die Tiere Blutungen im Bereich des Gehirns und der Gehörknöchelchen aufwiesen – Verletzungen, wie sie typisch für den Einfluss starker Lautquellen sind. Schon 1996 starben in Griechenland zwölf Wale, nachdem die NATO neue Sonargeräte vor der griechischen Küste eingesetzt hat.     

Besonders niederfrequente Schallwellen können unter Wasser Hunderte von Kilometern übertragen werden. Ihre Frequenzhöhe deckt sich mit der, welche vor allem die großen Wale – zum Beispiel Buckelwale – für ihre Kommunikation nutzen. Wissenschaftler vermuten, dass die Meeressäuger durch Geräusche lauter als 110 Dezibel irritiert werden und dass bei einer Lautstärke von über 180 Dezibel die Trommelfelle der Wale irreversiblen Schaden nehmen. Jeder der insgesamt 18 Unterwasserlautsprecher des neuen amerikanischen Sonarsystems verursacht einen Lärm von 215 Dezibel. Das entspricht der Lautstärke in unmittelbarer Nähe eines startenden Kampfjets. Nach Angaben von Umweltschützern beträgt die Signalstärke des gesamten Systems sogar 235 Dezibel. 

„Die Bush-Regierung hat quasi einen Blankoscheck für den weltweiten Einsatz des Niederfrequenzsonars ausgestellt,“ sagt Michael Jasny, Senior-Analyst der Umweltbehörde National Resources Defense Council. „Die Ausnahmegenehmigung für die Navy ist so weit gefasst, dass der Schutz der Meeressäuger so wie auch der übrigen Meeresbewohner kaum gewährleistet ist,“ führt Jasny weiter aus. Vertreter der amerikanischen Fischereibehörde forderten die Verantwortlichen auf den Kriegsschiffen auch auf, während der Einsätze nach Walen und Delphinen Ausschau zu halten. Auf eine Distanz von bis zu 1,1 Seemeilen seien die großen Tiere mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit zu erkennen. Die Sonarversuche könnten dann für einen kurzen Zeitraum ausgesetzt werden. Die Navy betonte, dass das Sonar vor den Küsten außerhalb der 12-Seemeilenzone und auch nicht in ökologisch sensiblen Meeresgebieten eingeschaltet wird. Da Schallwellen unter Wasser jedoch kaum Grenzen haben, bleibt abzuwarten, welche Folgen das neue Sonarsystem für die Meeresumwelt hat.