| Seit Ende März
1998 ist es wieder
soweit - in Kanada hat die alljährliche Jagdsaison auf Robben begonnen.
285.000 Sattelrobben und 10.00 Klappmützen sind zur Tötung freigegeben.
Vornehmliche Begründung von Seiten des neufundländischen
Fischereiministers John Efford: durch die hohen Populationszahlen der
Robben würden die Kabeljau-Bestände vor Neufundland bedroht.
PRINCE EDWARD ISLAND, CANADA,
Jan., 2000 -- Obwohl
schon offiziell seit dem 15. November 1999 möglich, beginnt in
diesen Tagen die Robbenjagd vor Neufundland erst richtig. Von über
10.000 lizensierten Jägern werden auch dieses Jahr wieder knapp
4.000 die Möglichkeit nutzen, über diese spezielle Form des
Nebenerwerbes zu Geld zu kommen. Doch das will in dieser Form keiner
der beteiligten Fischer hören. Geld sei nicht der Grund für die
Robbenjagd, konstatieren die Jäger einhellig. Den moralischen
Rückhalt bekommen sie von der eigenen Regierung, inklusive einer
vordergründigen und pseudowissenschaftlichen Legitimation: unter
dem Deckmantel des Fischereischutzes wird zum subarktischen Halali
geblasen. Den pelzigen Feind fest im Visier geht es zum Meereis
hinaus - dorthin, wo in diesen Tagen die Sattelrobben ihre Jungen
zur Welt bringen. Es geht um den Schutz der Fischbestände,
insbesondere des Kabeljaus. Man möchte sie bewahren, diese
wehrlosen Kreaturen. Bewahren, vor den gefräßigen Mäulern der
räuberischen Meeressäuger. Bewahren, damit sie anschließend die
Netze derer füllen, die jetzt mit Spitzhacke und Knüppel den
Robbenpopulationen zu Leibe rücken.
Robben - Ursache für den Einbruch der
Fischbestände?
Seitdem 1992 die Kabeljaubestände vor Neufundland
drastisch zusammengebrochen sind, gibt es für die lokalen Fischer
und die kanadische Fischereibehörde nur einen Hauptschuldigen: die
Sattelrobbe. Mit einer Populationsgröße von 4.5 Millionen Tieren
soll sie für die übermäßige Dezimierung des Kabeljaubestandes
verantwortlich sein. Eine Annahme, die von wissenschaftlicher Seite
nicht haltbar ist. Sattelrobben sind - wie viele andere Hundsrobben
auch - opportunistische Jäger. Das heißt, sie greifen auf eine
Vielzahl von Beuteorganismen zurück, ohne auf bestimmte Arten
spezialisiert zu sein. Zu ihrem Nahrungsspektrum zählen 67
unterschiedliche Fischarten und 70 verschiedene Vertreter der
marinen Wirbellosengruppe. Der atlantische Kabeljau gehört dabei
zwar zu einem ständigen Bestandteil des Speiseplanes, macht aber
nur 3% der gesamten Nahrungsmenge aus.
Es ist zudem einfältig, anzunehmen, daß die
Dezimierung eines Räubers zur Erholung des Bestandes einer
speziellen Beuteart führen würde. Das komplexe Ökosystem
"Meer" weist in seinem Nahrungsgefüge Verknüpfungen auf,
die weit über lineare Beziehungen und simplifizierte Modelle
hinausgehen. So fressen Sattelrobben beispielsweise auch
Tintenfische - die wiederum den Jungstadien des Kabeljaus
nachstellen. Eine theoretisch vollständige Dezimierung des
Sattelrobben-Bestandes würde also zu einem Anstieg der
Tintenfischpopulation führen, die dann einen erhöhten Fraßdruck
auf den jungen Kabeljau ausüben würde. Wenn es denn so einfach
wäre....... |
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Auf der Suche nach Beute
- nach Zahlung von umgerechnet DM 15,- hat dieser
Fischer eine Lizenz für die Robbenjagd erhalten.

Eine überlebende Sattelrobbe - ihr Junges wurde
getötet und noch vor Ort gehäutet
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Jäger schleifen eine tote Robbe zum Sammelplatz.
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| Die wahren Hintergründe für die
Argumentation der Fischer liegen auf der Hand. Kanada unterscheidet
sich in keiner Weise von Nationen wie Norwegen oder selbst
Deutschland. Auch in diesen europäischen Ländern werden Robben
für die Dezimierung und den Zusammenbruch von Fischbeständen
verantwortlich gemacht. Die durch Überfischung selbst verursachte
Misere wird als solche verdrängt und trotzig mit dem ausgestreckten
Finger auf Seehunde und Sattelrobben gezeigt. Wissenschaftliche
Erkenntnisse sind unbeliebt, rühren sie doch zu sehr an den
eingefahrenen und interessensbedingten Argumenten und Sichtweisen
der Fischer. Diese, haben sie sich schon durch jahrelange
Mißachtung von Fangquoten ihrer eigenen Einkommensgrundlage
beraubt, wollen sich zumindest nicht auch noch ihre Alternative zum
Fisch madig machen lassen.
Das Geschäft mit der Robbe
Die Preise sind nicht mehr das, was sie einmal waren, im
Robbengeschäft! $25,- brachte noch 1998 das Fell eines
Sattelrobben-Junges. Dieses Jahr werden es voraussichtlich nicht mal
mehr $13,- sein. Die Preise für Kadaver und Flipper sind ebenfalls
gefallen: auf $0,25 - $3,-. Verläßlich ist dagegen immer noch der
asiatische Markt. Ein Robbenpenis geht je nach Größe für bis zu
$25,- nach Übersee. Dort angekommen, erfährt er nach seiner
Trocknung und Pulverisierung eine wundersame Wertsteigerung von
mehreren Hundert bis Tausend Prozent. Grammweise wartet er am Ende
der Wertschöpfungskette in einer chinesischen Apotheke darauf, daß
ihn ein vom Büroalltag und Leben gestreßter Angestellter kauft, um
nach Einnahme den ehelichen Pflichten wieder gestärkt entgegen
sehen zu können.
Nein, ein Geschäft ist es scheinbar wirklich nicht, der Handel mit
Robbenprodukten. Auch das Produktangebot
auf den Webseiten der Robbenjäger-Vereinigung muß wohl etwas
anderes sein. Jacken und Schuhe aus Robbenfell, Robbenfleisch in
Konserven und sogar eine Robben-Peperoni-Pizza werden dort angeboten
- "Italian Lifestyle" im Hohen Norden! Und wer herzhaft in
die Robbenpizza beißt, kann sogar sicher sein, daß er etwas Gutes
tut: Rettet den Kabeljau - esst mehr Robbenpizza! |
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Jacke und Tasche aus Robbenfell, nur zwei von zahlreichen
Produkten, die aus Robben hergestellt werden
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Wohl bekomm`s! Robbenfleisch
in Dosen |
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| Und es ändert sich nichts....
Scheinen also doch die Guten zu sein, die Fischer
und die kanadischen Behörden!? Wären da nicht diese unangenehmen
Video- und Bilddokumente aufgehetzter Tierschützer und
übereifriger Journalisten. Nach Ansicht der Robbenindustrie sind
diese Zeugnisse qualvoller Tötungen nur Ausnahmen ansonsten ethisch
vertretbarer Praktiken. "Sauber angewendet" soll die
Tötung einer Robbe mit Hilfe des "hakapiks" - einem
eispickelähnlichen Gerät - kurz und schmerzlos sein. Die Realität
sieht anders aus. Unter schwierigen Witterungsbedingungen und auf
Eis hat die massenhafte Tötung flüchtender Robben kaum Parallelen
zur Dammwildjagd im Spessart oder Erzgebirge. Die wissenschaftliche
Gemeinschaft - so denn nicht im einzelnen von der kanadischen
Regierung bezahlt - und die Umweltschutzorganisationen sind sich
einig: die alljährliche Jagd auf Sattelrobben ist in der
Durchführung inhuman, ethisch nicht vertretbar und in ihrer
Legitimation interessensorientiert. Eine Haltung, die die kanadische
Regierung wenig stört. Trotz internationalen Drucks wurde die
Fangquote über die letzten Jahre erhöht. Ihre Einhaltung war zudem
niemals Inhalt einer offiziellen Kontrolle. So berichten
Wissenschaftler im renommierten Magazin "Marine Mammal
Science", daß 1998 die Anzahl der tatsächlich getöteten
Tiere zwischen 406.258 und 548.903 gelegen hat. Fast 100% über der
erlaubten Quote.
Bericht von TO |

Eine junge Sattelrobbe - begehrt wegen Ihres dichten Fells
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Sattelrobben in einer Eisspalte - das Eis
brauchen sie als festen Untergrund für die Geburt. Fehlt es -
durch z. B. klimatische Erwärmungen wie in diesem Jahr -
ertrinken die meisten der Jungtiere direkt nach ihrer Geburt. |
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