Eskimos zerlegen einen Grönlandwal. Antike Harpunenspitzen von 1880, die man in toten Walen gefunden hatte, weisen auf eine enorm lange Lebensspanne dieser Wale hin.

Methusalem der Meere

Nach Angabe von Wissenschaftlern können Grönlandwale das biblische Alter von 200 Jahren erreichen

The Associated Press

Moderne wissenschaftliche Analysen und historische Fundstücke weisen darauf hin, dass Grönlandwale vermutlich über 200 Jahre alt werden können. Damit wären sie die langlebigsten Säugetiere auf der Welt.

Drei im Norden Alaskas von Inupiat Eskimos erlegte Grönlandwale wurden von Wissenschaftlern auf ein Alter von zwischen 135 und 172 Jahren geschätzt. Ein viertes Tier soll sogar 211 Jahre alt geworden sein. "Das ist einfach unglaublich," so Jeffrey Bada, Professor für Meereschemie am Scripps Institut in San Diego. "Mit diesen Tieren haben wir wahrscheinlich die Überlebenden der frühen Walfangjahre vor uns. Alles Männchen, die den ersten Walfängern entkommen konnten!" 

Altersbestimmung über die Augen
Die Forscher bestimmten das Alter der Wale über die Analyse von Aminosäuren aus den Augen der Meeressäuger. Ihre Angaben wurden durch Funde der Eskimos gestützt, die seit 1981 sechs antike Harpunenspitzen aus der Blubberschicht der Wale geschnitten hatten. Moderne Harpunenspitzen werden aus Stahl gefertigt, wogegen die frühen Harpunen Spitzen aus Elfenbein und Stein hatten. Derartige Harpunen wurden jedoch nach 1880 weder angefertigt noch benutzt. 
Grönlandwale, die im Norden in den Gewässern der Beaufort- und Beringsee auf Nahrungssuche gehen, gehören zu den Bartenwalen. Mit Hilfe zahlreicher kammartiger Barten filtern sie den Krill und große Fischmengen aus den arktischen Meeren.

Von den meisten Großwalen nimmt man an, dass sie zwischen 80 und 100 Jahren alt werden. Für die langlebigsten Walarten hielt man bisher die Blauwale und Finwale der südlichen Hemisphäre, die bis zu 114 Jahre erreichen können. Nun scheinen aber den Untersuchungsergebnisse der Wissenschaftler der University of Alaska nach Grönlandwale die ältesten Säugetiere zu sein, die auf diesem Planeten leben. "200 Jahre sind das Doppelte an Lebenserwartung, was wir den Walen bisher zugesprochen haben," so Steven Webster, Meeresbiologe und Mitbegründer des Monterey Bay Aquariums. "Es ist unglaublich, dass diese Riesen der Meere schon zu Zeiten herumschwammen, als Lincoln noch Präsident war," sagt Webster.  

Steinharpunen in der Fettschicht
Die unglaublichen Erkenntnisse zum Alter der Wale wurden bereits letztes Jahr im "Canadian Journal of Zoology" und kürzlich in "Science News" und im "New Scientist" publiziert. Die Inupiat-Eskimos gehen schon seit über 4000 Jahre auf Walfang und berichten über Generationen von den gleichen Walen, die sie anhand individueller Merkmale unterscheiden konnten. Als die ersten Harpunen-Fundstücke aus Stein und Elfenbein auftauchten, hatte Craig George, staatlicher Wildbiologe in Barrow, Alaska, schon die Vermutung, dass Grönlandwale extrem langlebige Tiere sein könnten. Er konnte seine Theorien jedoch lange Zeit nicht durch wissenschaftliche Belege untermauern. "Es schien zu diesem Zeitpunkt einfach zu fantastisch zu sein, dass Säugetiere ein derart hohes Alter erreichen könnten," erzählt George. "Doch es tauchten weitere antike Harpunenspitzen auf, und wir begannen zu realisieren, dass sich hier eine unglaubliche Erkenntnis anbahnte." Es ist noch nicht ganz klar, warum Grönlandwale so alt werden. Einer Theorie nach haben sich die Grönlandwale auf diese Weise an die unwirtlichen Bedingungen in ihren Verbreitungsgebieten angepasst. Langlebigkeit ermöglicht die Chance, mehr Nachkommenschaft zu zeugen und so dem Aussterben der Art entgegenzuwirken. "Das alles wirft einen neuen Glanz auf diese Meeresriesen, die in unseren Augen eh schon ausgesprochen charismatische Tiere sind," sagt Webster. "Wir messen alles an unseren menschlichen Maßstäben, und Dinge, die sehr, sehr alt werden, gewinnen für uns an Wert. Ist das mit Weinen und Antiquitäten nicht das Gleiche?"         

Im Original auf abcnews.com