|

|
 |
Zurück in der
Heimat
Keiko wird auf seine Auswilderung vorbereitet
H E I M A E Y, Island, 6. Mai —
Steve Claussen klammert sich an das Gitter des Laufsteges, der
entlang von Keiko`s Außenaquarium verläuft. Er dokumentiert das
Verhalten des Killerwales, welcher gerade im Wasser des
Nordatlantiks mit seinem blauen Lieblingsball spielt. Als Keiko
jedoch erwartungsvoll näherschwimmt, in der Hoffnung auf ein kurzes
Spiel oder etwas Aufmerksamkeit, wendet sich Claussen mit
bekümmertem Gesichtsausdruck ab.
Der wohl berühmteste Killerwal aller Zeit, der
unter großer Anteilnahme von Medien und Öffentlichkeit vor sieben
Monaten in seine Heimatgewässer zurückgekehrt ist, soll seine
Bindung zum Menschen verlieren. Seine Trainer hoffen, daß der 21
Jahre alte Wal in naher Zukunft in den freien Ozean zurückkehren
kann - ein Versuch, der noch niemals vorher mit einem
Gefangenschaftswal probiert worden ist. "Doch zunächst muß
Keiko beweisen, daß er ein unabhängiger Kerl ist", so sein
Trainer Robin Friday.
Etwas zuviel Aufmerksamkeit
"Eines der Hauptinteressen freilebender Tiere ist der
Nahrungserwerb", erklärt Friday. "Keiko`s Hauptinteresse
ist jedoch menschliche Fürsorge und Aufmerksamkeit. Er ist bisher
nur verhätschelt worden." Darum gelten für den Orca nun neue
Regeln, die alle unnötigen Interaktionen mit Menschen vermeiden
sollen: es wird z. B. kein Augenkontakt mehr hergestellt, mit
Ausnahme von Aktionen, die Keiko`s Entwicklung zum eigenständigen
Wal fördern. Auch Massagen und Streicheleinheiten aus reinem
Mitgefühl sind verboten. Zudem wird statt der gewohnten
Handfütterung bald nur noch toter Fisch ins Gehege geworfen.
"Es ist eine absolute 180°-Wende sowohl für
das Pflegeteam als auch für Keiko selbst," sagt Friday.
"Es ist, als ob man sein Kind darauf vorbereitet, seinen
eigenen Weg zu gehen. Man muß sämtliche Bande zerschneiden."
Trotz der mittlerweile schon sieben Monate im Außengehege, hat
Keiko es immer noch nicht gelernt, sich eigenständig zu ernähren. |
|

copyright abc-news |
|
| Schon
seit sieben Monaten befindet sich der Killerwal Keiko in
einem Außengehege vor Island. Nur sehr langsam kommt
der Zeitpunkt der endgültigen Auswilderung näher. |
|
|
|
Was macht man nochmal mit diesen Fischen?
Keiko scheint mit all den Lachsen nichts anfangen zu können, die in
seinem an zwei Seiten durch 800 Fuß hohe Felsen geschützten Gehege
herumschwimmen. Jeff Foster, der zwischen Oregon und Island hin- und
herpendelt, um die Auswilderung zu überwachen, meint optimistisch,
daß Keiko einfach nur an Heringe gewöhnt sei und vielleicht
deshalb die Lachse verschmähe. Doch Friday nennt offen den
wahrscheinlicheren Grund: jahrelange menschliche Fürsorge hat
einfach die natürlichen Instinkte des Killerwales eliminiert.
Fridays Ansicht wird sofort bestätigt, als Karen McRea nur einmal
mit ihrer Hand auf die Wasseroberfläche schlägt. Sofort reckt
Keiko seinen Kopf aus dem Wasser und legt ihn auf dem blauen
Plastikfloss ab, mit dessen Hilfe sich gefrorener Fisch besser an
ihn verfüttern läßt.
|
 |
|
Keiko wird
von Hand gefüttert
copyright abc-news |
|
Raus aus dem
Gehege - ab in die Bucht
Der nächste Schritt auf dem Weg zur Unabhängigkeit ist der Umzug
aus dem immer noch kleinen Gehege in die durch Netze abgesperrte
Klettsvik Bucht. Die Bucht ermöglicht Keiko einen ersten Kontakt
mit dem Meeresboden und soll ihm durch ihre Größe die notwendige
Stärke verleihen, um die 180 Kilometer zurückzulegen, die seine
isländischen Verwandten schon jeden Tag auf ihrer Nahrungssuche
absolvieren.
Immerhin verbringt Keiko schon 25% mehr Zeit unter Wasser als im
Aquarium und seine Tauchgänge werden zunehmend tiefer und länger.
Dinge außerhalb seines Geheges erregen zunehmend seine
Aufmerksamkeit, und er scheint fasziniert zu sein von der
aufgewühlten See, die der strenge isländische Winter auch in die
geschützte Bucht treibt, so Foster.
Keikos Weg zurück in die
Walfamilie
"Wenn uns die soziale Integration in eine Walgruppe gelingt,
hat er eine sehr gute Chance, zu überleben," sagt Foster.
"Aber wir wollen es langsam und vorsichtig angehen lassen. Es
geht immer darum, was das Beste für Keiko ist."
Auswilderung schon im November?
Friday glaubt, daß Keiko`s Entwicklung vor Island nun schneller
verlaufen wird und er vielleicht schon in sechs Monaten in den
freien Ozean entlassen werden kann. Doch es bleiben noch viele
begründete Zweifel. "Wir können ihn zwar eine Menge
lehren," meint Friday, "aber wir können ihm nicht zeigen,
wie er navigieren soll. Wir können ihm nicht den Weg zu den
Nahrungsquellen weisen. Wir können ihn auch nicht soziales
Verhalten lehren, das er für eine Integration in eine Walgruppe
bräuchte." Foster sagt, daß selbst wenn Keiko für den Rest
seiner Tage - und erwachsene Orcas können zwischen 40 und 60 Jahre
alt werden - in der Bucht bleiben müßte, man das Experiment nicht
als mißlungen ansehen könne. Die Wissenschaftler erfahren und
lernen eine Menge duch Keiko`s Verhalten und vielleicht die
Öffentlichkeit auch.
In Kürze wird in Heimaey ein Informationszentrum eröffnet, das die
Geschichte von Keiko erzählen soll und welches damit vielleicht
auch das Interesse an den Meeren weckt. Zusätzlich sollen ständige
Berichte der "Ocean Future Society" an Schulklassen
geschickt und ins Internet gestellt werden, und so noch mehr
Informationen zu Meeressäugern liefern. Für die Trainer ist jedoch
schon mal ein wichtiger Punkt, daß Keiko jetzt in die Gewässer
zurückgekehrt ist, die einmal sein Geburtsort gewesen sind. Auf die
rauhen Felsklippen und das blau-grüne Wasser zeigend meint Foster
betont: "Das hier schlägt jedes Aquarium!"
im Original von Kristin Gazlay
The Associated Press |
|
"Es
ist, als ob man sein Kind darauf vorbereitet, seinen
eigenen Weg zu gehen. Man muß sämtliche Bande
zerschneiden."
Trainer Robin Friday |
|
|
|
|
Keiko`s
Lebenslauf |
|
|