| Kalifornische
Wissenschaftler enthüllen die sensitiven und kognitiven
Fähigkeiten von Robben
Am nördlichen Ende der Monterey Bucht in
Kalifornien befindet sich die University of California, Santa Cruz (UCSC).
Dort arbeiten Wissenschaftler, die weltweit führend in der
Erforschung der Sinneswahrnehmung - und verarbeitung mariner Säuger
sind.
von Robert Irion
Es ist ein bemerkenswertes Quartett von
Meeressäugern, das da in Santa Cruz den Wissenschaftlern hilft,
faszinierende Erkenntnisse über die tierische Physiologie und ihre
Sinnesfähigkeiten zu erlangen. Jahre experimenteller,
wissenschaftlicher Arbeit haben dabei zu einem Bild geführt, das
Erstaunliches über Robben enthüllt - diesen amphibischen Räubern,
zu denen unter anderem auch die See-Elephanten, Seelöwen und
Seehunde gehören.
Die spezifische Wahrnehmung ihrer Umwelt, so
scheint es, hat sich im Laufe der Evolution perfekt auf das
semi-aquatische Leben und den täglichen Kampf ums Überleben
ausgerichtet. Die Untersuchungen der kalifornischen Wissenschaftler
geben unter anderem Aufschluß darüber, inwieweit menschliche
Aktivitäten die Fähigkeit der Meeressäuger zu Kommunizieren und
Navigieren negativ beeinflussen. Die Arbeiten geben darüber hinaus
Einblick in die Entstehung und Entwicklung kognitiver Fähigkeiten.
Eine Robbe ist z. B. experimentell in der Lage, komplexe Beziehungen
zwischen Objekten herzustellen - eine Eigenschaft, die
Wissenschaftler lange Zeit nur Primaten und dem Menschen zusprachen.
"Tierisches Verhalten ist faszinierend,besonders, weil sie
keine verbale Sprache entwickelt haben - sie kodieren ihre Umwelt
nicht in Symbole, wie wir Menschen es tun," sagt Ronald
Schusterman, Professor für Biologie und Meereswissenschaften an der
UCSC. "Trotzdem sind sie in der Lage, derart komplexe und
komplizierte Prozesse wie soziale Interaktionen, Navigation, Jagd
oder auch Räubervermeidung zu entwickeln. Die darin eingebetteten
Verhaltenselemente werden vielseitig und flexibel verwendet. Unsere
Tier denken dabei nicht in Worten oder Symbolen, aber wir wissen,
daß sie denken!"
Schusterman`s Team, das in dem Long Marine
Laboratory der UCSC an der nördlichen Küste der Monterey Bucht
forscht, hat mittlerweile den Ruf, zu den besten
Wissenschaftsgruppen im Hinblick auf die Erforschung der Intelligenz
mariner Säuger zu gehören. In den letzten Jahren hat sich das Ziel
der Untersuchungen von der reinen Erfassung der Sinnesleistungen
daraufhin ausgeweitet, wie die Tiere die Informationen aus ihrer
Umwelt slektiv wahrnehmen und weiterverarbeiten - ein Einblick also,
in die Wahrnehmungswelt der Robben.
"Wir versuchen eine integrative und systematische Annäherung
an die Problemlösefähigkeit unserer Tiere zu erreichen," sagt
Meeresbiologin Colleen Reichmuth, die unter Schusterman ihr Diplom
in Meereswissenschaften gemacht hat. "Es ist gar nicht so
einfach, wenn man nicht die grundlegenden sensorischen Informationen
kennt, die eine Robbe aus ihrer direkten Umwelt herausfiltert."
Alle dickspeckigen Akteure in diesem Wissenschaftsspiel sind
entweder in Gefangenschaft zur Welt gekommen oder wurden als
gestrandete Jungtiere an den Küsten Kaliforniens gefunden. Ihre
Trainings- und Untersuchungsstunden absolvieren sie freiwillig und
in spielerischer Form, was von Schusterman, der seit nunmehr vier
Jahrzehnten im Bereich experimenteller Tierpsychologie arbeitet,
detailliert protokolliert wird.
Zwei der Robben sind weibliche, kalifornische Seelöwen (Zalophus
californianus). Rocky, die mit 21 Jahren ältere Seelöwin,
entwickelte unter Schusterman`s Training schon 1980 eine eigene
Symbolsprache. Ihre zunächst vorsichtige Annäherung an neue
Experimente reflektiert dabei jedesmal wieder das eine Jahr Wildnis,
das sie als Jungtier im offenen Ozean verbracht hat.
Rio, die im Labor geboren und aufgezogen wurde,
ist mittlerweile 12 Jahre alt und verhält sich immer noch wie ein
wißbegieriges, ungeduldiges Kind. Bei jedem Experiment liebt sie
ihre Rolle als wissenschaftliche Hauptperson, schwimmt aufgeregt von
Versuch zu Versuch und übertrifft sich bei der Suche nach Lösungen
jedesmal wieder selbst.
Sprouts, ein neun Jahre alter pazifischer Seehund (Phoca
vitulina richardsii), ist verglichen mit seinen lebhaften
Nachbarn ein eher ruhiger Geselle. Trotzdem haben die Versuche mit
ihm wertvolle Informationen zum Hör- und Sehvermögen mariner
Säuger geliefert. Schließlich ist da noch die vierjährige Burnyce
- der einzige trainierte See-Elephant (Mirounga angustirostris)
der Welt. Sie ist zumeist etwas träge und störrisch, hat aber
ebenfalls für ihre Art wertvolle Informationen hinsichtlich der
evolutiven Anpassungen an ein Leben unter Wasser geliefert.
"Es macht unglaublichen Spaß, mit all diesen Tieren zu
arbeiten, und sie sind wunderbar zu trainieren," sagt
Schusterman. "Es gibt eine Menge Gemeinsamkeiten zwischen Ihnen
und uns. Sie haben Emotionen wie wir und viele ähnliche
Grundbedürfnisse. Die Art und Weise, wir wir und sie auf unsere
Umwelt reagieren, ist gar nicht mal so verschieden!"
Die folgenden Punkte geben einen kurzen Überblick
über die Highlights aus den drei Forschungsschwerpunkten am Long
marine Laboratory.<>
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Der Meeressäugerforscher
Ronald Schusterman mit der Seelöwin Rocky. |
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| Zusammenfassung
Meeressäuger
haben im Laufe der Evolution großartige Anpassungs-
leistungen an ihre Umwelt gezeigt. Wie und über welche Sinne
die Robben ihre Umwelt wahrnehmen, wie Seelöwen sich
orientieren, wie Seehunde ihre Nahrung finden usw., das alles
haben Wissenschaftler der University of California in Santa
Cruz erforscht.
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| Kognition - Vorläufer der
Sprache?
Ein Versuchsaufbau, der in etwa an ein Memoryspiel
erinnert, ist lange Zeit Mittelpunkt der Kognitionsversuche im Labor
der kalifornischen Wissenschaftler gewesen. Schusterman`s
Mitarbeiter haben Rocky und Rio darauf trainiert, Bilder - die in
einem Poolfenster gezeigt wurden - paarweise einander zuzuordnen.
Für jede richtige Zuordnung, die durch den Seelöwen mit einer
Berührung durch die Schnauze angezeigt wurde, gab es zur Belohnung
einen Fisch. Der Mensch sieht dabei auf den einzelnen Bildern
Symbole, wie beispielsweise einen Buchstaben, eine Teekanne oder
eine Blume. Für die Seelöwen sind es dagegen rein zufällige
Muster.
Hörvermögen - Der Lärm der Ozeane
Robben mögen vielleicht nicht sprechen, aber sie
grunzen, bellen, röcheln, wimmern und jaulen mit Hingabe. All das
macht die Ozeane und die Ruheplätze der Tiere zu ziemlich
lärmreichen Orten. Nimmt man noch die vielfachen Einflüsse durch
die Zivilisation und insbesondere Industrie hinzu, wundert man sich,
wie Meeressäuger das hören können, was sie hören müssen. [Details]
Sehvermögen - In die Tiefe, in die
Dunkelheit!
Wie nehmen Robben nun ihre Beute war? Hören sie
sie oder können sie die Fische, Krebse und Tintenfische sehen?
Schusterman glaubt, daß beides eine Rolle spielt. Der Schwerpunkt
scheint seiner Meinung nach jedoch auf der optischen Wahrnehmung der
Beuteorganismen zu liegen. Diese großen, runden Augen der Sobben
scheinen die Lichtteilchen geradezu aufzusaugen, selbst in großen
Tiefen. [Details]
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