Tausende Sattelrobben kurz vor dem Verhungern

April 2001 - Ein Großteil der über 400.000 junge Sattelrobben sah in diesem Frühjahr dem Hungertod entgegen, nachdem die Tiere durch das Eis der Weißen See im Norden Russlands vom Wasser abgeschnitten worden waren. Vladimir Potelov, Direktor des Meeressäugerlabors des Polaren Wissenschaftsinstituts für Fischerei und Ozeanographie teilte mit, dass die neugeborenen Robben Anfang Mai durch ungünstige Winde keinen Zugang zum offenen Meer bekommen hatten. Normalerweise sollten die im letzten Jahr geborenen Tiere auf auseinanderbrechenden Eisschollen Richtung Barentssee treiben. Dieses Jahr verblieb das Eis jedoch als geschlossene Schicht im Golf der Weißen See. Eine ähnliche Katastrophe hatte schon 1966 zum Tod von 300.000 Sattelrobben geführt, ungefähr der Hälfte der jährlich neugeborenen Robben.

Nach Angaben der Wissenschaftler hätten die über 400.000 Tiere in der Weißen See keine Nahrung finden können, so dass die Hälfte der Neugeborenen vom Hungertod bedroht waren. "Es ist unmöglich, alle bedrohten Robben zu retten. Wir können vielleicht ein paar von ihnen, die sich in Küstennähe aufhalten, fangen und über Flüsse in die südliche Barentssee entlassen," erklärte Potelov noch am 10. Mai. "Unser Institut in Arkhangelsk hat jedoch keinerlei finanzielle Mittel, irgendeinen Rettungsversuch zu starten," ergänzte er. "Wir benötigen deshalb dringen internationale, finanzielle Hilfe!".

Menschliche Hilfe möglich?
Schließlich versuchte ein Rettungsteam von Murmansk aus, wenigstens einige Hundert der Tausende von Robbenbabys zu retten. Vladimir Blinov, Sprecher des Teams teilte mit, dass ein 20.000 Tonnen-Schiff mit 20 Helfern an Bord die arktische Stadt Murmansk verlassen habe, um junge Robben aufzunehmen. Die Tiere sollten dann mit dem Schiff von der Weißen See zur benachbarten Beringsee gebracht werden, wo sie ausreichend Nahrung hätten finden können. 

"Das Schiff Kola wird heute Nacht zu seinem Einsatzgebiet aufbrechen. Die Reise wird etwa einen Tag dauern und direkt nach der Ankunft soll mit der Rettung der Robben begonnen werden," sagte Blinov am Abend des 10. Mai. Er konnte jedoch nicht mitteilen, wie viele Tiere an Bord genommen werden sollten und wie viele einzelne Trips das Schiff unternehmen kann. "Wir würden sie gerne alle aufnehmen. Aber wir können erst vor Ort beurteilen, wie die Lage überhaupt ist. Wenn hier fünf Robben liegen und eine Tagesreise weiter fünf Tiere, dann können wir so gut wie nichts ausrichten," sagte Sergei Kiselyov, Direktor der Murmansk Shipping Company und Eigner der Kola.

Rettung von ganz oben
Hilfe kam schließlich von ganz anderer Seite. Warmes Wetter bestimmt seit dem 14. Mai das Klima über der Weißen See. Dadurch bricht das Eis nun endlich auf und können die jungen Robben doch noch ihre Reise zur Barentssee antreten. Russische Wissenschaftler, die per Helikopter die Situation vor Ort erkundet hatten, teilten mit, dass die erwachsenen Robben ihre Jungtiere glücklicherweise nicht verlassen haben. Im Gegenteil, sie hatten ihrem Nachwuchs scheinbar gezeigt, wie man alles Nahrhafte fangen und essen konnte, was der arktische Ozean zu bieten hatte. "Als unser Hubschrauber näher an die Eisflösse heranflog, stürzten sich die Robben schnell ins Wasser. Das zeigt, dass sie noch in einem guten Ernährungszustand und gesund sind," erläutert Vladimir Potelov. "Vielleicht werden einige wenige Tiere sterben," erklärt er weiter, "aber die meisten kommen wohl durch!". 

 

Weit und breit nur Eis

 

 

 

 

 

 


Die Robben konnten zwar ins Wasser, doch gab es hier kaum Nahrung

 

 

 

 

 

 

 


Wahrscheinlich überlebten die Jungtiere nur durch die Hilfe der Erwachsenen.