| Baja California, México
-- Langsam krümmt sich der Finger am Abzug der Armbrust. Ein Auge
ist zusammengekniffen, die Hand liegt ruhig am kalten Metall. Mit
voller Konzentration und unbewegter Miene drückt Stefan Ludwig den
Abzug durch. Ein leises Zischen und der Pfeil verlässt mit über
250 km/h die martialisch anmutende Waffe. Mit einem dumpfen "Plock"
landet er Sekundenbruchteile später im Fleisch des Schweines.
Was hier passiert hat mit Tierquälerei nichts zu
tun. Im Gegenteil, das Schwein ist eigentlich nur eine Schweinehälfte
vom Metzger und der Grund für diese Vorführung heißt Tierschutz.
Stefan Ludwig ist Meeresbiologe aus Kiel und erforscht seit einem
Jahr das Leben der Grauwale unter der heißen Sonne Mexikos. Gerade
erst hat er wieder eine seiner Schießübungen an Land absolviert -
eine absolut notwendige Übung, denn mit Hilfe der Armbrust
befestigt der Walforscher Satellitensender im Blubber (der
Fettschicht) von Grauwalen. Noch weitere zwei Jahre will Stefan
Ludwig das Verhalten eines der Giganten der Meere erforschen. Dafür
hat er mit Armbrust, Sack und Pack an der Küste der Baja California
Quartier bezogen.
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"Spyhopping"
nennt man dieses Verhalten von Walen, bei dem sie ihre
Umgebung über Wasser beobachten.
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| Der Grauwal (Eschrichtius
robustus)
Grauwale sind faszinierende Tiere. So halten sie
unangefochten den Rekord im Langstreckenschwimmen. Bei ihrer jährlichen
Wanderung zwischen den südlichen Fortpflanzungs- und
Aufzuchtsgebieten in der Baja California, Mexiko und den nördlichen
Nahrungsgebieten der Bering-, Chukchi- und der westlichen
Beaufordsee, legen sie über 19.500 km zurück. Das ist die längste
Migrationsstrecke eines Säugers überhaupt. Eine beeindruckende
Leistung für eine Tierart, die Anfang des Jahrhunderts schon fast
ausgestorben war. Gerade einmal ein paar Hundert Tiere konnten sich
nur durch strengste Schutzmaßnahmen wieder erholen und die
Grundlage für den heutigen Bestand von über 20.000 Grauwalen
bilden.
Die bis zu 14 Metern langen und 35 Tonnen schweren
Tiere zählen zu den aktivsten unter den großen Walen.
Flukeschlagen, Springen und "spyhopping" liefern ein
einmaliges Schauspiel für jeden Beobachter. In seichtem Gewässer
sucht der Grauwal seine Nahrung auch auf einzigartige Weise am Boden
des Meeres. Er dreht sich zumeist auf seine rechte Seite und saugt
am Boden lebende Organismen auf (u. a. Kleinkrebse, Würmer und große
Zooplankter). Das Wasser und der Schlamm werden dabei mit Hilfe der
Zunge durch die Barten gefiltert.
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| Die mächtige Fluke eines
Grauwales kann kleine Boote zum Kentern bringen. |
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| Der Grauwal - das
unbekannte Wesen
Trotz der genannten Fakten ist nach wie vor nur
wenig über das Leben dieser Riesen der Meere bekannt. Insbesondere
die Nutzung der Überwinterungshabitate und deren Beeinträchtigung
durch Salzgewinnung und Waltourismus stehen im Interesse der
Wissenschaftler. Aus diesem Grund möchten sie die tatsächliche
Populationsgröße, Habitatnutzung, Reproduktionserfolg und
Sozialverhalten der Tiere genauer untersuchen. Dazu wollen sie von
Schiffen und Flugzeugen aus die Bestandsdichte und -zahlen erfassen
und die charakteristischen Merkmale der Tiere fotografieren.
Genaueren Aufschluss über das Leben der Tiere liefern aber erst
telemetrische Untersuchungen, die neben dem Tauchverhalten auch die
lokalen Wanderungen erfassen.
Mit Pfeil und Bogen? - Autsch!
Um die auch bei anderen Tierarten eingesetzten
Kurzwellen- und Satellitensender sowie Tauchtiefenrekorder
applizieren zu können, müssen sich die Wissenschaftler einer
besonderen Methode bedienen. Sie können den Grauwalen weder
ein Geschirr umlegen noch etwas - auf dem natürlich nicht
vorhandenen - Fell festkleben. Zudem vermögen sie auch kein
30-Tonnen-Tier an Land zu ziehen, um dieses dann dort auszurüsten.
Aus diesen Gründen kommt die schon eingangs erwähnte Armbrust zum
Einsatz. Am eigens für diesen Zweck konstruierten Pfeil sind ein
Sender oder ein Messgerät befestigt. Ein Stopper gewährleistet,
dass das Instrument beim Aufprall nur bis zu einer vorbestimmten
Tiefe in die Fettschicht des Wals eindringt. Schießversuche
auf Schweinehälften haben den Wissenschaftlern zuvor die
notwendigen Kenntnisse geliefert, damit dieses Verfahren problemlos
funktioniert. Ein möglicher Aufschrei von Seiten der Tierschützer
kann deshalb ruhig in den Weiten des Pazifiks verhallen. Das
Geschoss, das einen Menschen ohne weiteres töten könnte, fügt dem
Tier in der unempfindlichen Blubberschicht keine Schmerzen zu. Außerdem
geht es nach einigen Tagen bzw. Wochen für den Wal spurlos wieder
verloren. Dem Meeresbiologen dagegen liefert das Instrument
wertvolle Daten über das Tauchverhalten und die Verbreitung der
Tiere.
Für Stefan Ludwig ist es seit Anfang des Jahres
noch wichtiger geworden, genauere Kenntnisse zu diesen Punkten zu
erlangen. Wie in keinem Jahr zuvor sind 1999 entlang der Wanderroute
der Wale tote Tiere angeschwemmt worden. Örtliche Behörden und
Naturschutzverbände an den Küsten Washingtons und Oregons waren
zunächst ratlos. Mittlerweile vermuten Meeresbiologen aber, daß
eine unzureichende Nahrungsverfügbarkeit in den arktischen
Nahrungsgebieten zu einem mangelnden Ernährungszustand der Tiere
geführt hat. Durch die lange Reise entkräftet, sind sie dann
wahrscheinlich auf halber Strecke verendet. Letztendlich kann jedoch
nur der Forschungseinsatz der Wissenschaftler Aufschluss über die
genauen Ursachen dieses Walsterbens geben. |

Die Wale kommen zum Teil erstaunlich nahe an
die Boote ihrer Beobachter heran. |
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