Die Strandmonster

Was wiegt 1.500 Kilogramm, liegt mit einer Horde Verehrerinnen am Strand und macht Geräusche wie ein altersschwaches Motorrad?

Ein Nördlicher See-Elephant natürlich! Von Dezember bis März sammeln sich Tausende dieser gewaltigen und fetten Meeressäuger an den Küsten Kaliforniens und Mexikos um dort bis zum Herbst zu verbleiben. Dann machen sie sich wieder auf, Richtung offene See, in der sie zum Teil in über 1.600 Metern Tiefe auf Nahrungssuche gehen. Sie müssen sich eine Menge Fett anfressen, um ausreichend Energien für ihre Winteraufenthalt auf dem Strand zu gewinnen. Dort finden nämlich dann Paarung und Geburt statt.

Das Aussehen eines Kartoffelsacks
Der Anblick eines dieser Monster auf Land ist beeindruckend. "Sie sehen lustig aus und sie machen lustige Geräusche," wie es ein Vorschulkind bei einem Besuch des kalifornischen Año Nuevo State Reserve bemerkte. Dort, in Zentralkalifornien lebt die weltweit größte Kolonie dieser Robbenart. Andere beschreiben die See-Elephanten als "eine Mischung aus einem Kartoffelsack und einem VW-Käfer" oder als "schlingerndes Wasserbett mit dem Gesicht eines Elephanten" oder sogar als "Riesenschnecken".

Im Hinblick auf ihre Entwicklung kann man diese Robben als Überlebenskünstler bezeichnen. Im 19. Jahrhundert wurden sie aufgrund ihres hochwertigen Öls stark bejagt. 100 Liter konnten allein aus einem ausgewachsenen Männchen gewonnen werden. Man nutzte das Öl für Lampen, als Schmierstoff und verarbeitete es zudem zu Farben, Seifen und Kerzen.
Das Geschäft und der Fang liefen so gut, dass um ca. 1890 die See-Elephanten ausgestorben schienen. 40 Jahre intensive Jagd hatten scheinbar ihren Tribut gezollt. Doch eine kleine Kolonie hatte überlebt. Auf Guadalupe Island, vor der Küste der Baja California lebten noch 100 Tiere, die Ausgangspunkt für eine kaum vergleichbare Rückkehr einer scheinbar ausgestorbenen Art waren.
Die Nachfahren dieser kleinen Population wurden von der mexikanischen Regierung 1922 unter Schutz gestellt und in Folge auch durch die USA. 1972 wurde schließlich die Jagd auf jede Art von Robben durch den "Marine Mammal Protection Act" verboten. Wissenschaftler schätzen die heutige Population Nördlicher See-Elephanten auf ca. 120.000 - 160.000 Tiere. Für sie ist diese Rückkehr im Vergleich zu allen in Nordamerika lebenden Säugern einmalig.  
An einem kalten Tag im Februar gaben ca. 1.700 dieser ungewöhnlichen Kreaturen den Touristen des Año Nuevo Reservates ein einmaliges Schauspiel. "Warten sie noch einen Augenblick," sagte unsere Leiterin Grace Hansen, und blickte auf die nahende Wolkenfront. "Diese träge Masse von See-Elephanten wird gleich ziemlich in Bewegung geraten, wenn das schlechte Wetter sich nähert."
Und sie sollte Recht behalten. Man hätte kaum ein besseres Schauspiel erleben können, nicht mal im nahen, kulturell doch so abwechslungsreichen San Francisco. Ein mächtiger Bulle richtete seinen Oberkörper drohend gegen einen  Konkurrenten auf und verbaute diesem den Weg zu seinem Harem. Der mächtige Kopf schwang hin und her, seine Nase blähte sich auf und mit einem lauten Grunzen und Schnarren warf er seinen beleibten Körper in Richtung des Nebenbuhlers. Der gab erstaunlich schnell bei und so kehrte das Alpha-Männchen wieder zu seinem Harem zurück, vergewisserte sich der Gunst des in dieser Stunde aktuellen Weibchens und legte fast schon zärtlich seine Flosse über ihren Nacken.

Fett aber schnell!
Schnell hat sich die Unruhe in der Kolonie wieder gelegt.
Die Weibchen säugen weiter ihren Nachwuchs, die Heuler oder auch Superheuler, wie man diejenigen Jungtiere nennt, die sich direkt bei zwei Müttern bedienen. Die etwas älteren Jungtiere sammeln sich in kleinen Gruppen, um schon mal ihre Kräfte zu messen, bevor es dann irgendwann mit einem Sprung in die haiverseuchte Gewässer vor der Küste geht. Sie werden diesen Weg alleine gehen, Monate, nachdem Mutter und Vater die Kolonie schon verlassen haben. Besonders für die Mütter ist die Rückkehr ins Wasser wichtig, da sie während der Stillphase die Hälfte ihres Gewichtes verloren haben.
Geschwindigkeit ist nicht gerade eine Eigenschaft, die man den See-Elephanten zuspricht, wenn man sie so auf dem Strand liegen sieht. Doch der Schein trügt! Einmal in Fahrt gekommen, können sie ihre Masse auf über 15 km/h beschleunigen. Touristen werden deshalb immer gewarnt, einen ausreichenden Abstand einzuhalten, selbst wenn sich die See-Elephanten scheinbar nicht an ihre Anwesenheit stören. "Weibchen und Jungtiere beißen," ermahnt Grace Hansen die Beobachter, " und die Männchen werden Euch einfach zerquetschen!". In Anbetracht der zunehmenden Populationszahlen stellt sich den Wissenschaftlern nun die Frage, ob sich solche gewaltige Tiere einen der populärsten Strände Nordamerikas mit den Menschen auch weiterhin teilen können. Für`s Erste können sie nur hoffen, dass die Menschen  - der bisher größte Feind der See-Elephanten - begreifen, welch faszinierende Lebensweise diese Tiere haben und mit welchem Erfolg und Willen sie um ihr Überleben kämpfen.

Original von Jennifer Wolcott
Copyright The Christian Science Monitor