Flussdelphine sterben im Mekong

von Debra Boyce
P H N O M P E N H, Kambodscha, 4. Juni, 2000 

Zuerst war da dieses Geräusch, irgendwoher aus dem lehmgetrübten Wasser des Mekong Flusses. Dann erhaschte Phong Choeun einen kurzen aber atemberaubenden Blick auf das, was er suchte - die blau-graue Finne des Irrawaddy Delphins. Dorfbewohner hatten ihm zuvor noch gesagt, daß Sichtungen dieses Flussdelphins immer seltener werden. Während sein langes Kanu leise über die Wasseroberfläche glitt, beschloß Phong Choeun, daß er alles erdenkliche tun würde, die wenigen übrig gebliebenen Delphine dieser Art zu schützen. "Diesen Delphin zu retten, ist aus Gründen wichtig, die über die Erhaltung der Art hinausgehen." sagt Ian Baird, ein Wissenschaftler, der gerade erst eine umfangreiche Studie über Delphine in Kambodscha durchgeführt hat. "Die Anwesenheit dieser Delphine ist ein Indikator für die Reichhaltigkeit des gesamten Fluss-Ökosystems." sagt Baird. "Retten wir den Mekong-Flussdelphin, retten wir den ganzen Mekong!"
Örtliche Fischer geben wenig auf derartige Ansichten. Doch Phong Chouen, ein kambodschanischer Entwicklungshelfer, weiß, daß die Zeit gegen ihn spielt. Die Delphine werden nicht absichtlich getötet. Doch schwindende Fischbestände sind ein Indiz dafür, daß die Fischer mehr und mehr zerstörerische Fangpraktiken anwenden, um ihr Auskommen zu sichern. Tausende von Delphine schwammen einst in dem sedimentgetrübten Wasser des Flusses. Experten nehmen an, daß es heute nur noch wenige Hundert sind.

Der ökonomische Fortschritt, der den weltweiten Rest der Flussdelphine an den Rand der Ausrottung gebracht hat, hat nun auch den Lebensraum der Irrawaddy-Delphine erreicht. "Mit sehr viel Mühe und Einsatz können die Tiere vielleicht noch gerettet werde," sagt Baird, "doch müssen wir die Sache dafür sofort und energisch anpacken."

Kaum noch eine Handvoll Delphine
Bevor Baird 1997 drei Wochen lang die Delphine gezählt und ihre Verbreitung erfaßt hat, gab es keine Untersuchung, die jemals die Delphine des kambodschanischen Flussystemes erforscht hätte. Was Ian Baird und seine Kollegen herausfanden, war alarmierend. Gerade mal 40 Tiere bekamen die Forscher selber zu Gesicht und auf der Grundlage von Berichten aus anderen Gebieten glaubt Baird, daß insgesamt nur noch 80 Irrawaddy-Delphine in Kambodscha leben.

Der eigentliche Verbreitungsraum dieser Tiere erstreckt sich von der Bucht von Bengal bis zu den Küsten Nordaustralien. Sichtungen wurden dabei sowohl in Flüssen als auch in küstennahen Regionen gemacht. Baird nimmt an, daß sich die Mekong-Delphine nach jahrzehntelanger Separation genetisch von ihren Verwandten isoliert haben.

Neben dem Irrawaddy gibt es nur noch vier weitere Delphinarten, die im Süßwasser leben. Der Baiji in China´s Yangtze Fluss, der Boto im Amazonas und schließlich der Bhulan und der Susu im Ganges- und Indus-Flussystem. Auch diese Delphinarten leiden unter den menschgemachten Problemen: Verschmutzung, künstliche Dämme, Bootsverkehr und zerstörerische Fischereipraktiken.

 

 

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Ein Irrawaddy-Delphin am Ufer des Mekong

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Zusammenfassung

Versuche, die letzten Flußdelphine des Mekong zu retten, müssen bei einem Schutz des gesamten Lebensraumes ansetzen. Forscher probieren nun, zusammen mit der Bevölkerung Schutzmaßnahmen zu entwickeln.

 

 

 

 

 

 

 

Am Scheideweg
Einige Arten, wie der Boto, sind noch relativ weit verbreitet. Doch die "Whale and Dolphin Conservation Society" in Bath, England sieht die Situation für z. B. China`s Baiji mehr als kritisch. Mehr als einhundert Tiere werden es wohl nicht mehr sein.

Ein Flussdelphin braucht sechs bis acht Jahre, bis er geschlechtsreif ist und die 10-11 monatige Tragezeit bringt nur ein Jungtier hervor. Für einige der Arten, eingeschlossen dem Irrawaddy, reicht dann die Anzahl der übriggebliebenen Delphine nicht mehr aus, um eine gesunde und stabile Population zu erzeugen," meint Baird. Schutzmaßnahmen hatten bisher auch nur mäßigen Erfolg. So hat China einen Seeabschnitt des Yangtze zum Naturreservat erklärt, und versucht, die letzten Baiji-Delphine dorthin überzusiedeln.


Habitatschutz statt Artenschutz
Internationale Gruppen warnten vor diesem Ansatz des Versetzens, nachdem einige der umgesetzten Baijis gestorben waren," sagt Alison Smith, Direktorin der "Whale and Dolphin Conservation Society". Umweltgruppen versuchen nun China zu überzeugen, den Lebensraum der Tiere - also den Fluss an sich - zu schützen. Versuche, einen Teil des indischen Ganges schon 1991 als Naturpark auszuweisen, sind bis heute ohne Erfolg geblieben. Smith`s Organisation versucht, die Ansätze von damals wieder aufzugreifen und sammelt Geld für einen Managementplan, für Informationskampagnen und schließlich einen Mitarbeiter, der die Durchsetzung der getroffenen Bestimmungen überprüft.

Andere Projekte waren erfolgreicher
Im Herzen des kolumbianischen Amazonas ist die Anzahl der unabsichtlich durch Fischer gefangenen Boto-Delphine drastisch zurückgegangen, nachdem 1991 verschiedene Forschungsprojekte und eine breit angelegte Informationskampagne gestartet wurden. Einige Ansätze in Laos haben ebenfalls Früchte getragen. Baird hat so z. B. dabei mitgeholfen, entlang der Lao-Kambodschanischen Grenze örtlich kontrollierte "Fischmanagement-Zonen" einzurichten. Nach nun mehreren Jahren zahlen sich die Bemühungen offenbar aus. Fischer berichten von wachsenden Fischbeständen und zunehmenden Sichtungen von Irrawaddys. Es entwickelt sich sogar eine Art von Ökotourismus, bei welchem Touristen extra an die Grenze kommen, um die Delphine zu bestaunen.

"Für ein Delphinschutzprojekt ist es unerläßlich, daß die örtlichen Gemeinschaften - Fischer, Dorfbewohner usw. - mit einbezogen werden," erläutert Smith. "Die Menschen müssen die Vorteile für sich darin erkennen, wenn sie Schutzmaßnahmen für Fische und Delphine durchsetzen sollen," führt sie weiter aus. "Solange die Menschen die dort leben nicht beteiligt werden, ist jede Initiative zum Scheitern verurteilt." Phong Choeun aus Kambodscha möchte das Lao-Fischschutzprojekt gerne für den Mekong anwenden. In seinem Land ist auch schon eine kritische Diskussion in Gang gesetzt worden, die den Schutz der Irrawaddy zum Inhalt hat. Örtliche Umweltschützer sagen jedoch, daß nicht mehr viel Zeit zum Diskutieren bleibt. Wenn nicht umgehend etwas für die Irrawaddys des Mekong getan wird, wird das Land seine letzten Flussdelphine verlieren.

 

 

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