Ein Hundeleben......
Neues Seehund-Aquarium soll Geld an die Küste schwemmen



Das Geschäft mit den Robben

St. Peter-Ording - Ein neues Seehundaquarium an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste plant zur Zeit der Westküstenpark St. Peter-Ording. Mit Hilfe der knopfäugigen Meeressäuger erhoffen sich die Verantwortlichen einen deutlichen Zufluss an Touristengeldern. Die Frage nach dem Wohl der Tiere wird dabei nicht gestellt.

August 2002 - Blickt man in die großen, dunklen Augen eines Seehundes, geht einem schon das Herz auf. Der kugelrunde Kopf, die langen Schnauzhaare und der interessierte Blick lassen die glänzenden Speckrollen als sympathische Knuddeltiere erscheinen. Dass dieses Klischee nicht dem wahren Bild eines Seehundes entspricht, wissen die wenigsten. Seehunde sind marine Raubtiere, die vornehmlich als Einzelgänger in fast allen Küstenregionen der Nordhemisphäre ihren Lebensraum gefunden haben. Zwar beobachten wir Menschen sie in der Regel, wie sie in großen Gruppen auf den küstennahen Sandbänken liegen, doch zeigt ein Seehund "im Alltag" ein ausgesprochen individualistisches Verhalten. Er ist oft tagelang alleine auf Jagd und unternimmt weite Reisen, bevor er wieder zu den Ruheplätzen seiner Artgenossen zurückkehrt.

Unser zumeist falsches Bild vom geselligen Rudeltier "Seehund" rührt nicht zuletzt von in Gefangenschaft gehaltenen Seehunden, die jeden Tag in wenigen Kubikmetern Wasser ihre Runden drehen müssen. Um so unverständlicher ist es, dass ein maritimer Freizeitpark mit natur- und tierschützerischem Anspruch in Norddeutschland ein neues Seehundaquarium plant. So will der Westküstenpark St. Peter-Ording - ein Haus- und Wildtierpark mit Streichelzoo - mit Unterstützung des Landes Schleswig Holstein ein zweites norddeutsches Seehundaquarium bauen. Das erste steht bereits in Friedrichskoog (Kreis Dithmarschen).

Geldeintreiber "Seehund"
Das neue Seehundbecken in St. Peter-Ording wird eine reine Touristenattraktion. In einem Interview gegenüber dem Hamburger Abendblatt sagte Friedrich Heddies Andresen, Vorsitzender des Fördervereins Westküstenpark, dass "der Sympathieträger Seehund den Westküstenpark wieder in die schwarzen Zahlen bringen könne." Als treibende Motivation zum Bau eines Seehundbeckens ist diese Aussage ein ebenso ehrliches wie auch trauriges Bekenntnis. Das Wohl des Tieres bleibt dabei völlig im Hintergrund. So dient eine Seehundhälterung zu touristischen Zwecken weder den dort gehaltenen Seehunden noch ihren frei lebenden Artgenossen. Eines der Hauptargumente von Befürworten der neuen Anlage kann einer genaueren Betrachtung dann auch nicht Stand halten:

  • Als "Botschafter des Wattenmeeres" erfüllen die Seehunde einen "edukativen" Zweck. Dass heißt, sie bringen dem Aquariumsbesucher die Probleme ihrer Art und ihres Lebensraumes nahe.  
Eine Seehundgruppe in Gefangenschaft vermittelt nichts von der wahren Lebensweise und den wahren Lebensbedürfnissen ihrer Art. Sie werden als vermeintliche Gruppentiere präsentiert, die genügsam auf wenigen Metern Wasserstrecke  ihre Bahnen ziehen. Tatsächlich sind Seehunde des schleswig-holsteinischen Wattenmeeres tagelang allein auf Beutezug. Dabei können sie Strecken von mehreren Hundert Kilometern zurück legen. Über 85% ihrer Zeit auf See verbringen die Tiere zudem getaucht, immer auf der Suche nach möglicher Beute. Schon aus diesem Grund kann in Zusammenhang mit einer Seehundhälterung  niemals von einer auch nur annähernd artgerechten Haltung gesprochen werden. Die im Wasser äußerst aktiven und agilen Räuber werden in Gefangenschaft in ihren Lebensäußerungen massiv eingeschränkt. In Gefangenschaft sind sie einfache  Ausstellungsstücke mit dem Ziel, Besucher anzulocken.


Seehunde sind Tauchkünstler

Alternativen
Im Zeitalter von Computertechnologie und Multimedia erstaunt die Kurzsichtigkeit der Planer der norddeutschen Seehundanlage. Ein mit Millionenaufwand gebautes und unterhaltenes Aquarium, das konzeptionell sein Ziel schon im Ansatz verfehlt, kann nicht die Lösung sein. Die dafür aufzubringenden finanziellen Mittel würden jedoch bei weitem dazu ausreichen, eine in ihrer Art einmalige und komplexe Multimedia-Präsentation zu erstellen, mit welcher der Besucher quasi in die Unterwasserwelt der Seehunde entführt wird. Diese ließe sich zudem mit fachlicher Unterstützung und vorbehaltloser Rückendeckung durch die Wissenschaft realisieren. Und gratis oben drauf gäbe es noch das gute Gewissen, einer Gruppe von Seehunden ein Leben in Gefangenschaft erspart zu haben. 

        Dr. Thomas Orthmann