Wir wedeln nicht mit Transparenten
Wir schreiten ein!

Der Mann, der diese Worte gesagt hat, ist Chef einer der radikalsten Tierschutzorganisationen der Welt: Sea Shepherd Conservation Society. Der Kanadier und Greenpeace-Mitbegründer Paul Watson kämpft seit über 30 Jahren für den Umwelt- und Tierschutz auf den Meeren. In Kanada besprühten er und seine Anhänger Robbenbabys mit roter Farbe, um sie vor dem Abschlachten zu schützen. In verschiedenen Häfen der Welt versenkte er insgesamt acht Walfangschiffe und rammte mit seinen Schiffen "Ocean Warrior" und "Farley Mowat" illegale Walfänger auf offener See. Für die einen ist er ein Terrorist und Staatsfeind Nummer Eins, für die anderen ist er ein moderner Pirat, konsequenter Umweltaktivist und Retter bedrohter Tierarten. 
 

Darf man Menschenleben gefährden, um Tiere zu retten? Auch wenn durch die zahlreichen Aktionen des Paul Watson bisher noch kein Mensch zu Tode gekommen ist, so vertritt der engagierte Tierschützer hier doch grundsätzlich eine sehr extreme Meinung. Der Mensch ist für ihn im natürlichen Gefüge eine Art Parasit, der auf rücksichtslose wie auch konsequente Art und Weise seine Umwelt ausbeutet. Ebenso rücksichtslos und konsequent stellt sich Paul Watson vor allem den kriminellen und illegalen Machenschaften einzelner Gruppen oder Nationen in den Weg, die den qualvollen Tod von Tausenden Meerestieren – insbesondere Walen –  zur Folge haben.

Schon als kleiner Junge zerstörte Watson die Biberfallen in seiner Heimatstadt im kanadischen New Brunswick und verhinderte, dass seine Kameraden mit Gewehren auf Enten oder andere Wasservögel schossen. Heute ist es vor allem die japanische Walfangflotte, die den Zorn des Paul Watson fürchten muss. Mit unglaublicher Hartnäckigkeit und präzisem Spürsinn heftet sich der ehemalige Kapitän der kanadischen Coast Guard mit seiner schwarzen Flotte und gehisster Piratenflagge an die Fersen der großen Walfangschiffe, um diese bei ihrem tödlichen Geschäft zu stören.

"Wir schreiten ein" wurde geschrieben vom amerikanischen Journalisten Peter Heller, der im Auftrag von National Geographic Adventure am 10. Dezember 2005 an Bord des Schiffes "Farley Mowat" ging und mit Watson und seiner Crew zur Walfänger-Jagd in antarktische Gewässer aufbrach. Die Beschreibung von sechs Wochen an Bord lesen sich nicht nur wie ein Abenteuerroman, sondern vermitteln eine Vielfalt an Informationen über die weltweiten Zusammenhänge beim Meeres- und insbesondere Walschutz und zeugen vom unerbittlichen Einsatz und Engagement des Kapitän Paul Watson gegen das Abschlachten bedrohter Tierarten. Dass Watson dabei nicht nur sich selbst, sondern auch das Leben seiner – durchweg freiwillig mitarbeitenden – Crew-Mitglieder mehr als ein Mal aufs Spiel setzt, lässt beim Lesen vielleicht Zweifel am Tun und Wirken des unerbittlichen Tierschützers aufkommen. Andererseits wird dem Leser aber auch bewusst, dass in jeder Minute mit der gleichen Radikalität und Konsequenz das tierische und pflanzliche Leben auf unserem Planeten vernichtet wird.

"Wir schreiten ein" ist ein Buch, dass uns vor Augen führt, auf welche Weise und mit welchem Einsatz sich Menschen weltweit für die Umwelt einsetzen, während wir in der Fußgängerzone mal wieder 50 Cent in die Spendendose einer fragwürdigen Tierschutzorganisation werfen, um so vermeintlich unser Gewissen entlasten. "Wir schreiten ein" ist darüber hinaus nicht nur ein aktuelles Buch über den modernen Walfang, sondern vermittelt auch einen Einblick in das Wirken des Paul Watson bei seiner täglichen "Arbeit" auf See. Was immer der Leser am Ende der Lektüre auch von Watson halten mag, er und die Mitglieder seiner Organisation Sea Shepherd zählen mit ihrem persönlichen und unbedingten Engagement zu den wirkungsvollsten Umweltaktivisten, die sich dem Schutz der Tiere auf unserem Planeten verschrieben haben.

Anhang: Auch wenn im Rahmen dieser Buchvorstellung kein direkter Vergleich des deutschen Buches mit dem Original "The Whale Warriors" möglich ist, so leistet sich die Übersetzung einen auffälligen Lapsus, der aber – soweit aus der Lektüre der deutschen Version erkennbar –  nicht für weitere Übersetzungs- bzw. Verständnisfehler steht. Ein U.S. Navy Seal Combat Manual ist mit Sicherheit alles, aber kein "Robbenkampfhandbuch der U.S.-Marine". Dass die Navy Seals eine Spezialeinheit der amerikanischen Navy sind, weiß bereits ein 15-Jähriger mit ausreichend Computerspiel-Erfahrung. SEAL ist dann ein Akronym aus den Wörtern "Sea, Air, Land" und wird als solches nicht direkt übersetzt. Wäre ja auch schlimm, wenn ausgerechnet Tierschützer Paul Watson ein "Robbenkampfhandbuch" im Schrank stehen hätte...

Peter Heller
Wir schreiten ein

Der Kampf des Paul Watson gegen die Walfangflotten der Welt
marebuchverlag
368 Seiten, gebunden mit zahlreichen Abbildungen
ISBN 978-3-86648-083-4 

Preis € 22,90