Das volle Leben
Von Harfenschnecken und Schaukelfischen 

Meeresleben ist bunt und statisch – so muss es zumindest den meisten Betrachtern von Unterwasserbildbänden vorkommen: Bilder voll geometrischer Muster und Farbenpracht in sonnendurchfluteten Korallenriffen und Unterwasserlandschaften, kaum aber Bewegung und Leben. Nicht so im aktuellsten Meeresbuch von National Geographic: Leben auf dem Planeten Meer heißt Überleben oder Sterben, Fressen oder Gefressen werden, Angriff oder Verteidigung. 

Und diesen täglichen Kampf ums Überleben vermitteln die beiden Biologen Laurent Ballesta und Pierre Descamp in eindrucksvollen Bildern. Selbst als Meeresbiologe bekommt man beispielsweise selten oder gar nicht zu Gesicht, wie einer der schnellsten Angriffe im Tierreich abläuft: der Beutegriff des Fangschreckenkrebs. Die beiden französischen Meereskundler haben u.a. ihn in faszinierenden Bildern festgehalten.    

Die Liste der wahrhaft einzigartigen Aufnahmen ließe sich beim Bildband "Planet Meer" fast endlos fortsetzen. Den Gegenpol zum Fangschreckenkrebs bildet so die Harfenschnecke, die im Zeitlupentempo einen flüchtenden Einsiedlerkrebs überwältigt. Das muss man erstmal schaffen: einer Schnecke nicht zu entkommen. Genauso schön anzusehen ist die Rote Seegurke, die sich mit ihren Armen genüßlich ihr Mittagessen in den Schlund stopft; oder das Bild der Putzergarnele, die an der Putzerstation freundlicherweise gleich die Zähne eines Tauchers mitreinigt. 

Im Meer ist also was los und das zeigen Ballesta und Descamp in ihrem Buch auf knapp 400 Seiten in brillanter Weise. Natürlich finden wir auch hier Bilder von farbenprächtigen Korallen und Nahaufnahmen gespenstig anmutender Kreaturen aus den Tiefen der Meere. Den beiden Franzosen gelingt es jedoch, durch ungewohnte Perspektiven und einen spannenden Bildaufbau Sehgewohnheiten zu durchbrechen, die mittlerweile auch die meisten Landbewohner schon vom Meer und dem Leben darin haben. Dabei geht die Ästhetik der Bilder aber nie zu Lasten der Bildaussage und des wissenschaftlichen Anspruchs – und letzteres hat der Bildband in jedem Fall.

Die Unterwasseraufnahmen haben oftmals dokumentarisch-informativen Charakter, was durch zahlreiche kurze Textpassagen unterstützt wird. Der Betrachter verbleibt somit nicht in zweifelnder Unkenntnis, was genau er eigentlich da vor sich sieht. Die abgebildeten Organismen schweben, gleiten, kriechen und krabbeln schließlich auch nicht dimensionslos im Raum herum. Genaue Größenangaben in den Bildunterschriften verdeutlichen dem Leser, dass die ganzseitig abgebildete Kieselalge doch schon kleiner als der Riesenmaulhai im Viertelformat ist. Text-Doppelseiten bringen dem Leser darüber hinaus Probleme oder Besonderheiten aus den Meerestiefen etwas näher.  

"Planet Meer" ist einerseits geprägt durch die Profession(alität) der beiden Meeresbiologen Ballesta und Descamp und kann andererseits seine Herkunft aus dem Hause National Geographic nicht verleugnen. Es ist ein anspruchsvoller Bildband mit wissenschaftlichem Hintergrund, der das Abtauchen in die verschiedenen Meeresumwelten zu einem nicht nur packenden, sondern auch überraschend neuen Erlebnis macht. Um es mit dem Worten eines Forschungstauchers zu sagen: "Jeder Tauchgang ist anders – egal wie oft Du runter gehst!" 

"Planet Meer", Laurent Ballesta & Pierre Descamp 
National Geographic, 384 Seiten, gebunden

ISBN 3-937606-89-0
Preis: € 49,95

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