Irgendwo im Nirgendwo
Jeder braucht eine Insel. Wer das Gegenteil behauptet, weiß es einfach nicht besser – er braucht trotzdem eine Insel. Inseln sind Orte des Rückzugs. Sie helfen uns, wenn wir zivilisationsgeplagt den vielen Einflüssen und Eindrücken des Alltags entkommen wollen. Inseln sind Orte der Rettung. Das unerwartete Eiland im großen, weiten Meer hilft unserer schiffbrüchigen, geplagten Seele, wieder festen Boden und ein wenig Ruhe zu finden. 

Jeder hat oder kriegt die Insel, die er verdient. Wer meint, er könne nach einem Aufenthalt auf einer menschenüberlaufenen, küstennahen Sandablagerung – geprägt von Bettenburgen, Edel-Hummerbuden und Gucci-Boutiquen – davon reden, er hätte eine Insel besucht, der weiß nicht, was eine Insel ist.

Nachhilfe gibt hier Judith Schalansky. Die freie Autorin und Gestalterin aus Berlin hat 50 "wirkliche" Inseln in einem Atlas zusammengetragen. Inseln, die sich durch eines auszeichnen: Sie zählen zu den abgelegensten Orten dieser Welt. 

Verstreute Inseln, Inseln der Enttäuschung oder Ratteninseln – Schon die Namen künden davon, wie fern, entlegen, karg und öde diese Flecken im Meer sein müssen. Aber wo genau sind sie? Welche Geschichten oder Schicksale sind mit ihnen verbunden? Davon erzählt Judith Schalansky skizzen- und szenenhaft in ihrem Atlas der abgelegenen Inseln. So erfahren wir zum Beispiel, dass die Inselkette Napuka keinen anderen Namen als "Inseln der Enttäuschung" bekommen konnte. Wie auch? Wo Ferdinand Magellan im Januar 1521 das Atoll in Französisch-Polynesien nach einer Odyssee über den Pazifischen Ozean erreichte. Ein Großteil der Mannschaft war zuvor schon gestorben. Über Wochen ohne richtiges Essen und Trinken landeten die Überlebenden schließlich hoffnungsvoll auf Napuka, nur um dort festzustellen, dass es auch hier nichts gab, was ihren Hunger und Durst hätte stillen können.

So geht es weiter über die Weiten der Meere und so führt uns Judith Schalansky von einem unwirtlichen Eiland zum anderen. Die Faszination liegt im Anekdotenhaften ihrer Erzählungen, das uns so weit weg zu führen vermag, von dem Ort, an dem wir ihren Atlas aufschlagen. Dass wir dabei nicht nur gedanklich auf Reisen gehen können, verdanken wir ihren atlastypischen Illustrationen. Sie geben uns zumindest in der Aufsicht ein Bild davon, wie die abgelegensten Inseln der Welt aussehen. Der Rest bleibt jedoch Phantasie. Welche Tiere dort umherstreichen und welche Vegetation diese ozeanischen Flecken prägt, darf sich jeder selbst ausmalen.

Hervorstechend durch seine Gestaltung, Konzeption und Verarbeitung wurde der Atlas der abgelegenen Inseln von der Stiftung Buchkunst im Wettbewerb "Die schönsten deutschen Bücher 2009" ausgezeichnet.  

Judith Schalansky
ATLAS DER ABGELEGENEN INSELN
Fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde
marebuchverlag
144 Seiten, Halbleinen mit dreiseitigem Farbschnitt
ISBN 978-3866481176

Preis € 34,00